Jesse Owens (USA), vierfacher Olympiasieger 1936 in Berlin, Startübungen beim Training im Olympischen Dorf in Döberitz © ullstein bild - ullstein bild

Jesse Owens: Held von Berlin

Sein Stern geht ein Jahr vor den Spielen auf. Bei den Leichtathletik-Meisterschaften der "Großen Zehn" US-Colleges ("Big Ten") in Ann Arbor stellt Jesse Owens innerhalb einer Dreiviertelstunde über 220 Yard, 220 Yard Hürden sowie im Weitsprung drei Weltrekorde auf und einen vierten (über 100 Yard) ein - und das, obwohl nach einem Sturz einige Tage zuvor gar nicht klar war, ob er überhaupt würde starten können. Damit bringt sich Owens schon früh für die entsprechenden Wettbewerbe bei den Spielen 1936 in die Pole Position. Den Nationalsozialisten passt "der Neger" so gar nicht ins Konzept. Sie wollen den Leipziger Weitsprung-Europarekordler Luz Long zum "arischen" Gegenspieler stilisieren. Im Weitsprung kommt es am 4. August zum Duell der beiden, nachdem Owens am Tag zuvor bereits die 100 Meter mit eingestelltem Weltrekord von 10,3 Sekunden für sich entschieden hat.

Geschichte

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Tipp vom deutschen Konkurrenten

Owens springt sich im Trainingsanzug für die Qualifikation warm, und erfährt anschließend, dass der (nicht ausreichende) Sprung von den Schiedsrichtern bereits als erster Versuch gewertet wird. Über diese offensichtliche Manipulation ist der Amerikaner so verärgert, dass er im nächsten Versuch übertritt. Ungültig! Nur noch ein Versuch bleibt Owens, um das Finale doch noch zu erreichen. In diesem Moment, so erzählt Owens später, tritt ein blonder Sportler auf ihn zu, stellt sich auf Englisch als Luz Long vor und rät dem aufgebrachten Weltrekordler zu einem Sicherheitssprung ohne Brett. Owens folgt dem Rat und übertrifft die geforderte Qualifikationsweite mit 7,16 Meter um einen Zentimeter.

Freundschaft mit tragischem Ende

Das Finale am selben Abend entwickelt sich dann tatsächlich zu einem packenden Duell der beiden leistungsstärksten Athleten - allerdings nicht so, wie von Hitler und seiner Entourage erhofft: Zum einen, weil Owens nach zwei Durchgängen, in denen beide Konkurrenten exakt dieselbe Weite springen, am Ende mit 8,06 Metern siegt. Zum anderen, weil die beiden Sportler sich bei ihren letzten Sprüngen gegenseitig gratulieren und anschließend Arm in Arm über den Platz schlendern.

Der Amerikaner rennt sich mit zwei weiteren Goldmedaillen über 200 Meter (5. August) und mit der 4x100-m-Staffel (9. August) in die Herzen der Zuschauer - und in die Annalen der Olympia-Geschichte: Viermal Leichtathletik-Gold in einem einzigen olympischen Turnier hat nach Owens nur noch Carl Lewis - 1984 in Los Angeles - geholt. "Ich könnte alle Medaillen und Pokale einschmelzen lassen und das Gold würde nicht die 24-karätige Freundschaft aufwiegen, die mich mit Luz Long verbindet", sagt Owens noch Jahre später. Zu Gesicht bekommen sich die beiden Weitsprung-Protagonisten nicht wieder: Long, promovierter Jurist, lässt sein Leben im Alter von 30 Jahren während des Zweiten Weltkriegs im Juli 1943 auf Sizilien.

Schaulaufen für den Lebensunterhalt

Ein Jahr nach den Spielen gibt Owens 1937 seinen Amateurstatus auf, um mit Schauläufen Geld zu verdienen - unter anderem gegen Rennpferde. Seine "Gegner": höchst reizbare Vollblüter, die beim Startschuss erst nach einer Schrecksekunde loslaufen. "Ich brauchte das Geld, denn ich entstammte einer armen Negerfamilie mit acht Kindern", rechtfertigt sich Owens später gegenüber Kritikern, die die Veranstaltungen als entwürdigend bezeichnen. Seinen weltbekannten Vornamen verdankt James Cleveland Owens übrigens einem Missverständnis: Eine Lehrerin, die offenbar Schwierigkeiten hat, den Südstaaten-Akzent des Jungen richtig zu verstehen, macht aus den beiden Anfangsbuchstaben seiner Vornamen "J.C." - wie der kleine James üblicherweise gerufen wird - "Jesse". Owens stirbt 1980 in Tucson/Arizona an Lungenkrebs. Zu seinem Gedenken wird 1984 in unmittelbarer Nähe des Berliner Olympiastadions eine Straße ("Jesse-Owens-Allee") benannt.

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Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr