Olympia-Geschichte

Long vs. Owens: Eine Geste für die Ewigkeit

von Andreas Bellinger, sportschau.de

Der Deutsche Luz Long und der Amerikaner Jesse Owens beobachten ihre Konkurrenten beim Weitsprung. © picture-alliance / akg-images

Luz Long gegen Jesse Owens: Das war bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 das Weitsprung-Duell zweier Ausnahmeathleten. Und es war noch viel mehr: weil der von den Nazis beschworene Kampf der Rassen nicht stattfand, weil der blonde Deutsche mit dem schwarzen Amerikaner Freundschaft schloss und weil Long seinen Rivalen unter den Augen Adolf Hitlers vor dem Aus bewahrte - eine Geste für die Ewigkeit.

Es hätte schon gereicht, seinem ärgsten Widersacher nach einem erbitterten Zweikampf zum Olympiasieg zu gratulieren. Allein so wäre Luz Long als der Sportsmann in Erinnerung geblieben, der er war und immer sein wollte. Aber er tat mehr, viel mehr. Der 1913 in Leipzig geborene Weitspringer umarmte den amerikanischen Triumphator Jesse Owens nach seinem Sprung auf 8,06 m bei den Olympischen Spielen 1936 und zeigte der Welt vor den Augen von Adolf Hitler und seinen Nazi-Schergen unverhohlen seine Freundschaft - mit einem "Neger".

"Umarmen Sie nie wieder einen Neger"

"Ich kann nicht anders und laufe zu ihm, bin der Erste, der ihn beglückwünscht, umarmt", schrieb Long in sein Tagebuch und schwärmte: "Diese fast märchenhafte Weite, bei diesem Wetter." Die Aufzeichnungen seines Vaters hat der 74-jährige Kai-Heinrich Long gehütet und in einem Buch verewigt. In einer Randnotiz der Großmutter stieß er auch auf die Reaktion der Nazis. Von höchster Stelle sei sein Vater zur Räson gerufen worden, sagt Kai-Heinrich Long der ARD. "Rudolf Heß (Stellvertreter Hitlers/Anm.d.Red.) hat ihn angerufen und verfügt: Umarmen Sie nie wieder einen Neger."

Es kostete ihn viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. Man könnte alle  Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, und sie würden nicht für eine Schicht über die 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, reichen. James Cleveland "Jesse" Owens

"Das war sehr, sehr mutig"

Carl Ludwig Hermann Long, der promovierte Jurist, den alle Luz nannten, hatte die Nazis bis aufs Blut gereizt. Nur der schöne Schein, der von Olympia in die Welt strahlen und das Dritte Reich in einem friedlichen Licht erscheinen lassen sollte, verhinderte Repressalien. "Er hatte den Mut, alle herrschenden ideologischen Grenzen zu ignorieren, egal welche Konsequenzen folgen würden", sagt Joel Bouzou, der Präsident der World Olympians Association (WOA), 80 Jahre nach jenem  denkwürdigen 4. August 1936 und fügt hinzu: "Das war sehr, sehr mutig."

Long lebte Sportsgeist

Es entsprach der Philosophie Longs, der den oft zitierten Sportsgeist lebte - auch wenn es den eigenen Vorteil kostete. So geschah es in der Qualifikation, die der große Favorit Owens fast nicht überstanden hätte. Der Anlauf klappte nicht, und hätte der auch im Sprint dominierende Athlet ein weiteres Mal den Balken verfehlt, wäre er ausgeschieden. Long beschrieb es so: "Ich wage kaum zu denken, sollte es die Sensation geben und Jesse Owens herausfliegen - nach missglücktem dritten Sprung? Nein, so schlecht sind Owens' Nerven nicht."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr