200-m-Halbfinallauf der Frauen bei den Olympischen Sommerspielen 1956 im Olympiastadion in Melbourne: Die Australierin Betty Cuthbert (l) siegt in 23,6 Sekunden. © picture-alliance / dpa

Olympia 1956 in Melbourne: Sommerspiele im November

Politische Probleme werfen ihre Schatten auf das erste olympische Turnier der südlichen Hemisphäre, das vom 22. November bis zum 8. Dezember 1956 ausgetragen wird. Ägypten, Libanon und der Irak boykottieren die Spiele wegen der Suez-Krise; Die Niederlande, Spanien und die Schweiz bleiben aus Protest gegen den Einmarsch der UdSSR in Ungarn fern. Obwohl die DDR vom IOC "vorläufig anerkannt" ist, müssen sich die beiden deutschen Delegationen auf eine gemeinsame Mannschaft einigen. 37 von 276 Teilnehmern kommen aus Ost-Deutschland. Das Team läuft unter einer schwarz-rot-goldenen Flagge mit den fünf olympischen Ringen auf. Als Hymne dient Beethovens "Ode an die Freude". Die Anreise ist beschwerlich. Mehrere Zwischenstopps muss das Team auf seinem Flug einlegen, die reine Flugzeit beträgt mehr als 40 Stunden. "Es war eine Schinderei" erinnert sich Radsport-Legende "Täve" Schur.

Geschichte

Das waren die Olympischen Spiele 1956

Boxer Papp gelingt der Hattrick

Erster Olympiasieger aus der DDR wird der erste 20 Jahre alte Boxer Wolfgang Behrendt im Bantamgewicht mit einem Punktsieg über den Südkoreaner Soon Chu Song. Der Star des Boxens ist jedoch ein anderer: Laszlo Papp schafft als 31-Jähriger seinen dritten Olympiasieg nach 1948 und 1952. Sein eigener Stil und die politisch brisante Situation in seinem Heimatland Ungarn machen ihn ebenso zum "Helden" bei den Australiern wie die ungarischen Wasserballer, die einen umjubelten 4:0-Abbruch-Sieg über die UdSSR feiern.

Reiterspiele in Stockholm

Die "Aussies" hatten lange vor dem ersten olympischen Turnier auf der Südhalbkugel mit ihren strengen Quarantänebestimmungen für Verwirrung gesorgt. Danach hätten die Pferde ein halbes Jahr vorher einreisen müssen. Das IOC ringt sich schließlich dazu durch, die Reiterwettbewerbe komplett auszugliedern und in Stockholm stattfinden zu lassen - obwohl man damit gegen die eigenen Statuten der "olympischen Idee" verstößt. Der 17. Juni (!) 1956 gerät zu einem denkwürdigen Tag: In zwei Umläufen werden die Medaillen der Springreiter vergeben; die Deutschen - mit Weltmeister Hans-Günter Winkler auf Halla, Publikumsliebling Fritz Thiedemann auf Meteor und Alfons Lüdke-Westhues auf Ala - sind favorisiert. Winkler zieht sich im ersten Umlauf einen Muskelriss in der Leiste zu. Dennoch tritt er - fast besinnungslos vor Schmerz - zum zweiten Durchgang an. Umsichtig und routiniert trägt "Wunderstute" Halla HGW fehlerfrei ins Ziel und sichert ihrem Reiter Gold in der Einzel- und Mannschaftswertung.

Völkerverständigung zum Ausklang

Im Schwimmen ist "Schmetterling" erstmals olympische Disziplin. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen siegen die USA. Ein Großteil der restlichen Schwimm-Medaillen geht jedoch an die Gastgeber. "Wunderkind" Murray Rose holt gleich dreimal Gold. Der 17-Jährige, der auf vegetarischen Eintopf aus Früchten, Sojabohnen und konservierten Meeresalgen steht, darf sein Lieblingsessen - mangels entsprechender Versorgung im olympischen Dorf - bei seiner Mutter einnehmen. Dreimal Gold gibt es auch für die australische Sprinterin Betty Cuthbert. Im Turnen dominiert nach wie vor die Sowjetunion. Der Ukrainer Viktor Tschukarin holt fünf Medaillen, davon dreimal Gold. Mit 98 Medaillen setzt sich die UdSSR am Ende auch überlegen an die Spitze der Nationenwertung. Am Ende der "Friendly Games" steht die Völkerverständigung: Nach dem Vorschlag eines jungen Australiers mit koreanischen Wurzeln laufen die Athleten bei der Schlussfeier erstmals bunt gemischt ins Stadion ein und brechen beim gemeinsamen Tanz sogar die Regeln des Protokolls.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr