Zugpassagiere mit Atemschutz vor dem Olympia-Banner in Tokio © imago images/AFLO

Corona-Krise

Debatte über Olympia-Absage spaltet die Sportwelt

Die Telefonkonferenz des IOC hat die Nationalen Olympischen Komitees nicht geeint. Während der US-Sport und Afrika Thomas Bach zur Seite springen, deutet Norwegen an, notfalls keine Athleten zu entsenden.

Das Olympische und Paralympische Komitee sowie der Sportverband Norwegens haben in einem Brief an IOC-Präsident Thomas Bach appelliert, die Olympischen Spiele in Tokio nur durchzuführen, wenn das Coronavirus weltweit unter Kontrolle sei. Es sei weder "gerechtfertigt noch wünschenswert, norwegische Athleten zu den Olympischen oder Paralympischen Spielen zu schicken, bevor die Weltgemeinschaft diese Pandemie hinter sich gelassen hat". Man sei über die Gesundheit und Sicherheit der Sportler besorgt, hieß es in dem Schreiben: "Die Situation in vielen Teilen der Welt ist komplex, herausfordernd und gefährlich."

Pro und Contra aus den USA

Susanne Lyons, Vorsitzende des Paralympischen Komitees der USA (USPOC) © imago images / UPI Photo

Susanne Lyons liegt auf IOC-Linie.

Aus dem mächtigen US-Sport bekam Bach derweil Unterstützung, allerdings schließen sich nicht alle Sportverbände der Haltung des NOK an. "Ich denke, wir können dem IOC beipflichten und sagen, dass wir mehr Expertise und Informationen brauchen, als wir sie derzeit haben, um diese Entscheidung zu treffen", sagte Susanne Lyons, Vorsitzende des Olympischen und Paralympischen Komitees der USA (USPOC) in einer Konferenzschaltung mit Journalisten. Zudem sei noch Zeit bis zu einer endgültigen Entscheidung. "Die Spiele sind nicht nächste Woche oder in zwei Wochen. Sie sind in vier Monaten", sagte sie. Bis dahin könne sich viel verändern. 

US-Schwimmverband: Athleten haben Angst

Lyons sprach offenbar nicht für alle Sportverbände. Der US-Schwimmverband hatte am Freitag (20.3.2020) einen Offenen Brief an das USPOC verfasst und eindringlich darum gebeten, sich für eine Verschiebung der Spiele stark zu machen. "Unsere Athleten stehen unter enormem Druck, Stress, und sie haben Angst. Ihre mentale Gesundheit und ihr Wohlergehen sollten aber höchste Priorität haben", heißt es in dem Schreiben, das von Verbandsboss Tim Hinchey unterzeichnet ist. Der US-Leichtathletikverband schloss sich dieser Position an.  

03:11 min | 21.03.2020 | Das Erste

Virologe Kekulé: "Olympia 2020 in Tokio ausgeschlossen"

Der Virologe Alexander Kekulé hält die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio in diesem Jahr für ausgeschlossen. "Es gibt für Viren kein tolleres Fest", sagte er im Gespräch mit der Sportschau.

Unterstützung aus Afrika und Paris

Unterstützung erhält die IOC-Spitze aus Afrika. "Alle afrikanischen Olympischen Komitees hatten eine Telefonkonferenz mit dem IOC-Präsidenten, um sich über die Situation zu informieren, und alle Mitglieder unterstützten den Antrag, mit den Spielen fortzufahren", sagte Abner Xoagub, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Namibia (NNOC). Auch für Tony Estanguet, den Präsidenten des Organisationskomitees der Spiele 2024 in Paris, sei es "noch zu früh, zu entscheiden, ob die Olympischen Spiele verlegt werden sollten".

Brasilien: Um ein Jahr verschieben

Das brasilianische Nationale Olympische Komitee (COB) sprach sich für eine Verlegung um ein Jahr aus und schlug den gleichen Zeitraum wie den ursprünglich in diesem Sommer geplanten vor, also zwischen Ende Juli bis in die erste August-Hälfte. COB-Präsident Paulo Wanderley sagte, als früherer Judoka und Trainer wisse er, "dass es der Traum jedes Sportlers ist, bei den Olympischen Spielen unter den besten Bedingungen anzutreten." Ein Festhalten an der Austragung in diesem Jahr verhindere genau diesen Traum.

DLV-Präsident: "Rasch eine klare Entscheidung"

Auch einer der wichtigsten deutschen Fachverbände meldete sich zu Wort. Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), will jetzt eine klare und schnelle Entscheidung des IOC. "Ich hätte mir gewünscht, dass man dem Beispiel des Fußballs folgt und wie die Europameisterschaft auch die Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr verschiebt", sagte Kessing.

Er forderte das IOC auf, trotz wirtschaftlicher Zwänge zu handeln. "Der Sport wünscht sich rasch eine klare Entscheidung. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Pandemie in vier Monaten vorbei ist", sagte der Bürgermeister der baden-württembergischen Stadt Bietigheim-Bissingen.

Deutsche Spitzensportler beraten

Die deutschen Spitzensportler prüfen derweil eine Stellungnahme an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). "Wir haben morgen eine Telefonkonferenz mit allen Athletenvertretern aus den verschiedenen Sportarten, wo es darum geht, ob wir als Athleten eine Empfehlung an den DOSB geben", sagte Hockey-Olympiasieger Martin Häner am Samstag (21.3.2020). Der Assistenzarzt am Berliner Martin-Luther-Krankenhaus hat auch Verständnis, dass das IOC vom Zeitplan für Tokio noch nicht abrücken will. "Wie man es auch macht, kann man, glaube ich, keine richtige Entscheidung treffen. Das gilt für das IOC, aber auch für die Empfehlungen des DOSB und für uns Athleten genauso", sagte Häner.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 21.03.20 15:44 Uhr