19:10 min | 06.08.2021 | Das Erste

Der "Fall Timanowskaja" - Lukaschenkos langer Arm

Sportpolitik

Fall Timanowskaja - Großmutter sagte: "Komm nicht nach Hause"

von Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Nach Tagen voller Angst ist die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja in Warschau angekommen. Sie steht vor einer ungewissen Zukunft. Eine Rückkehr in die Heimat ist ausgeschlossen: "Ich will weder ins Gefängnis noch in eine andere Einrichtung."

Die Erleichterung, von der Kristina Timanowskaja sprach, war ihr nicht anzusehen. "Ich fühle mich schon viel besser, denn ich bin jetzt in Sicherheit", sagte die weißrussische Leichtathletin, doch ihr Gesicht war gezeichnet vom Stress und vom Druck der vergangenen Tage. Ihre Odyssee, die am Sonntag in Tokio mit einem dramatischen Hilferuf ans Internationale Olympische Komitee begann, hatte am Donnerstag in Warschau ein vorläufiges Ende gefunden. Timanowskaja, der olympische Flüchtling, steht in Polen vor einer ungewissen Zukunft. Ob sie ihre Heimat Belarus jemals wieder betreten wird, ist ungewiss.

 Heilanstalt oder Haft 

"Die Situation ist so: Wenn ich nach Hause zurückkehre, schicken sie mich vielleicht in eine Heilanstalt", sagte Timanowskaja im exklusiven ARD-Interview. Sie erzählte von den Medienberichten in Belarus, in denen schon ausgiebig ihre "psychischen Probleme" thematisiert worden seien, was natürlich nicht der Wahrheit entspreche. Die Alternative zur Psychiatrie, so sagt sie, sei Haft: "Ich will weder ins Gefängnis noch in eine andere Einrichtung."  

Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko hatte noch kurz vor den Spielen seinen Sportlerinnen und Sportlern gedroht: "Wenn ihr da nur als Touristen hinfahrt, dann kommt erst gar nicht nach Belarus zurück!" Timanowskaja ist in den Augen des Regimes mittlerweile etwas wesentlich Schlimmeres als eine Olympia-Touristin. 

 "Ich sollte sagen, dass ich irgendeine Verletzung hätte" 

Ihr einziges Vergehen war gewesen, ihre Trainer und den belarussischen Leichtathletikverband in den Sozialen Medien zu kritisieren. Sie sollte in Peking in der 4x400-m-Staffel starten, eine Strecke, für die sie nicht trainiert hatte. Dem Verband waren für diese Disziplin die Läuferinnen ausgegangen, weil es versäumt worden war, sie vor den Spielen einer ausreichenden Zahl an Dopingtests zu unterziehen. Dies hatte ein Startverbot des Leichtathletik-Weltverbands zur Folge gehabt.

Die weißrussische Sprinterin Kristina Timanowskaja im 100m Lauf bei den olympischen Spielen. © IMAGO / Bildbyran

Die weißrussische Sprinterin Kristina Timanowskaja

"Mein Trainer und Männer vom Nationalteam kamen in mein Zimmer und sagten mir, dass ich nicht mehr starten darf bei den Olympischen Spielen. Ich sollte sagen, dass ich irgendeine Verletzung hätte oder dergleichen. Und ich sollte zurück nach Hause reisen", sagte Timanowskaja über die Vorfälle am vergangenen Sonntag. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Sie postete einen Hilferuf ans IOC, der sich im Netz rasend verbreitete, und wandte sich am Tokioter Flughafen Haneda kurz vor dem Boarding an die Polizei.  

"Meisterin des Sports der internationalen Klasse" 

Statt im Flieger in Richtung Heimat verbrachte sie die nächsten Stunden am Flughafen, während sich der Fall umgehend zu einem gewaltigen Politikum ausweitete. Kristina Timanowskaja, die in Belarus den Titel "Meisterin des Sports der internationalen Klasse" trägt und es wagte, gegen das System aufzubegehren, wurde über Nacht weltberühmt. 

Am Montag fand sie Unterschlupf in der polnischen Botschaft in Tokio, die fortan von Kamerateams belagert wurde. Zahlreiche Staaten verurteilten das Vorgehen des belarussischen Regimes, die EU-Kommission erklärte sich solidarisch mit Timanowskaja. Am Donnerstag flog die Sprinterin nach Warschau. Kurz vor dem Abflug in Tokio telefonierte sie mit ihrer Großmutter: "Sie rief mich nur an, um mir zu sagen: 'Komm nicht nach Hause.’

IOC bestraft Funktionäre  

Aus Sicherheitsgründen flog sie nicht direkt nach Warschau, sondern über Wien. Die Flugroute mag durch die Tatsache beeinflusst worden sein, dass Lukaschenko im Mai einen Ryanair-Flieger auf dem Weg von Griechenland nach Litauen mit dem regimekritische Blogger Roman Protassewitsch an Bord mit Hilfe eines Kampfjets zur Landung in Minsk gezwungen hatte. Protassewitsch wurde noch auf dem Flugfeld verhaftet.  

Am Freitag legte das IOC in Tokio den Fall Timanowskaja mit dem Olympia-Ausschluss der beteiligten belarussischen Funktionäre Juri Moisewitsch und Artur Schumak vorerst zu den Akten. Das Nationale Olympische Komitee des Landes, angeführt von Lukaschenkos Sohn Wiktor, kam nach dem mutmaßlichen Entführungsversuch zunächst ohne offizielle Bestrafung davon. 

"Natürlich" auch Folterungen 

In Warschau wartete Kristina Timanowskaja derweil sehnsüchtig auf ihren Mann Arsenij, der sich nach den Vorfällen in die Ukraine abgesetzt und dann auf den Weg nach Polen gemacht hatte. Erst nach seiner Ankunft will sie sich mit ihm zusammen Gedanken über eine gemeinsame Zukunft in einem fremden Land machen.  

Was bleibt, ist die Sorge um die Familienmitglieder und Freunde in der alten Heimat. "In Belarus waren schon viele Athleten im Gefängnis, und viele von ihnen haben Belarus bereits verlassen und müssen irgendwo in Europa leben", sagte sie, und "natürlich" habe es auch Folterungen gegeben.   

Ob sie Angst um ihre Familien habe? Bei der Frage blickte Timanowskaja wie versteinert in die Kamera. "Sie sind in Belarus. Sie sind zu Hause", antwortete sie: "Im Moment geht es ihnen gut.

 

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 22.07.2021 | 09:05 Uhr

Stand: 06.08.21 11:51 Uhr

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