Schwimmer Florian Wellbrock © imago images / Xinhua Foto: Tao Xiyi

Schwimmen

Hoffnungsträger Wellbrock: Beendet er die deutsche Schwimm-Misere?

Schwimm-Weltmeister Florian Wellbrock ist bei den Olympischen Spielen 2021 der große deutsche Hoffnungsträger - im Becken und im Freiwasser. Der 23-Jährige vom SC Magdeburg soll eine lange Durststrecke beenden, denn die deutschen Beckenschwimmer blieben sowohl 2012 in London als auch 2016 in Rio de Janeiro ohne Edelmetall. Inspirieren lässt sich Wellbrock bei diesem Vorhaben von Schwimm-Legende Michael Phelps.

Videos der sagenhaften Rennen des 23-maligen Olympiasiegers waren fester Bestandteil von Wellbrocks Vorbereitung auf die Sommerspiele. "Momentan sind die 200 Meter Kraul von Michael Phelps aus Peking mein Lieblingsrennen. Er ist da reingesprungen, war von Anfang an vorne und ist das Ding dominant zu Ende geschwommen", sagt Wellbrock.

So in etwa sieht auch das perfekte Drehbuch für den 23 Jahre alten Freistil-Ästheten aus, der die in London und Rio schwer geschlagenen Beckenschwimmer wieder in den Kreis der Medaillengewinner führen will. Wellbrock, der am Mittwoch (21.07.2021) mit dem Team aus dem Vorbereitungscamp in Kumamoto nach Tokio reiste, präsentiert sich cool, selbstbewusst und voller Vorfreude.

"Fühle mich wohl mit der Favoritenrolle"

"Ich fühle mich wohl mit der Favoritenrolle und es ist natürlich mein Ziel, möglichst weit vorne anzukommen", sagt der Doppel-Weltmeister mit Blick auf die Wettkämpfe. 33 Jahre nach dem Triumph von Michael Groß in Seoul könnten die deutschen Beckenschwimmer dank Wellbrock endlich wieder goldene Spiele feiern. Letztmals triumphierte Britta Steffen 2008 in Peking.

"Da ich selbst weiß, wie viel passen muss, um eine Medaille zu erkämpfen, möchte ich einfach nur die Daumen drücken", sagt die mittlerweile 37-jährige Steffen mit Blick auf die Schwimmwettbewerbe, die in Japan vom 24. Juli bis zum 1. August stattfinden werden, aber auch mit Blick auf Wellbrock.

40:14 min | 15.12.2020 | NDR 2 | Autor/in: Cassalette, Moritz

Florian Wellbrock im Sportschau-Olympia-Podcast

Auch über 10 km im Freiwasser Gold-Anwärter

Bei einer letzten Ansprache in Kumamoto schwor sich das deutsche Team auf den um ein Jahr verschobenen Saisonhöhepunkt ein, bei dem Wellbrock der größte Hoffnungsträger ist. "Ich weiß, dass ich auf den 1.500 Metern und auch auf den zehn Kilometern als Favorit ins Rennen gehe", sagt er. Auch über 800 Meter Freistil hat der Langdistanzspezialist Medaillenchancen.

"Ich glaube, es hat noch nie in Deutschland einen so guten Schwimmer mit solchen Möglichkeiten gegeben, sowohl stilistisch als auch von der Vielseitigkeit her", sagt Freiwasser-Rekordweltmeister Thomas Lurz. "Er ist für mich über 1.500 Meter im Becken und auch im Open Water über 10 Kilometer der Topfavorit." Lurz weiß, wovon er redet, denn er gewann 2012 über die zehn Kilometer als Zweiter die bis heute letzte deutsche Schwimm-Medaille.

Bundestrainer Berkhahn warnt: Nicht zu sicher sein

Deutscher Schwimmer Florian Wellbrock SC Magdeburg ©  imago images Foto: Christian Schroedter

Florian Wellbrock fühlt sich in der Favoritenrolle wohl.

Der historische Doppeltitel von Gwangju 2019, die Dominanz, mit der Wellbrock in den meisten der wenigen Rennen der Corona-Zeit auftrat, und die jüngsten Trainingsergebnisse geben dem gebürtigen Bremer einen großen Glauben an die eigene Stärke. Und zwar einen so großen, dass es Bundestrainer Bernd Berkhahn, der den Ausnahmeathleten in Magdeburg trainiert, manchmal fast schon zu viel wird. "Er ist sehr positiv eingestellt und strahlt auch eine gewisse Sicherheit aus, wo ich dann auch schon sage: Na, da muss ich dich mal wieder wachrütteln. Sei dir nicht zu sicher!"

Berkhahn erzählt das mit einem Lächeln. Wirkliche Sorgen macht er sich nicht: "Er hat mittlerweile auch eine gewisse Erfahrung und wird das zum Wettkampfstart hinbekommen."

Schlechte Erinnerungen an Olympia 2016

Das war 2016 in Rio noch anders. Wellbrock wurde dort von der Wucht des Events "überrumpelt". Den damals 19-Jährigen ereilte das Aus im Vorlauf. Ebenso wie vor zwei Jahren in Südkorea, zwischen seinen zwei WM-Titeln. Nur wenige Tage nach dem Zehn-Kilometer-Triumph im Freiwasser verpasste der als Medaillenkandidat gestartete Wellbrock völlig überraschend im 800-Meter-Rennen das Finale. Der Umgang mit der Enttäuschung und die anschließende Gold-Krönung auf seiner Paradestrecke machen ihn heute noch stärker.

Wellbrock weiß: Ganz ausschließen kann er ein verkorkstes Rennen nie. "Wir sind zum Glück keine Maschinen, sondern auch nur Menschen", sagt er. Wellbrock weiß aber, wie er solche Momente handhaben kann. Immer wieder schaute er sich zur eigenen Motivation und zum Genuss seine Weltmeisterschaftsrennen in Südkorea an, als einziger Schwimmer hat er den Titel über 1.500 Meter und die olympische Freiwasserdistanz bei einer WM gewonnen.

Auch lange danach sorgt der Clip vom Coup bei ihm immer wieder für "Gänsehaut". Ein ähnlicher Auftritt in Tokio? Dann hätte er wohl ein neues Lieblingsvideo.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia Tokio 2020 | 22.07.2021 | 09:05 Uhr

Stand: 22.07.21 03:13 Uhr