IOC-Präsident Thomas Bach vor dem Logo der Olympischen Spiele in Tokio © imago images /Sven Simon

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IOC-Präsident Bach: Mitten im Sturm

Das lange Zögern und Zaudern vor der Verlegung der Olympischen Spiele hat IOC-Präsident Thomas Bach eine Menge Kritik eingebracht. Doch um seinen Posten muss der Tauberbischofsheimer wohl nicht fürchten.

Die Corona-Pandemie hat auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) in eine Krise gestürzt. Oder hat es eine ohnehin schon länger anhaltende Krise nur deutlich verschärft? Das lange Ignorieren der Pandemie, die schwammige Kommunikation in den vergangenen Wochen und der Eindruck, dass die "Herren der Ringe" inzwischen sehr weit von ihrer Basis (sprich: den Athleten) entfernt sind, hat vor allem IOC-Präsident Thomas Bach laute Kritik eingebracht.

Wickenheiser tritt eine Welle los

Als "unsensibel und verantwortungslos", stufte Kanadas Eishockey-Legende Hayley Wickenheiser, Mitglied der IOC-Athletenkommission, das Handeln der IOC-Spitze am vergangenen Montag ein und trat damit eine Welle der Kritik von Sportlern und Verbänden los, die letztlich zur Verlegung der Tokio-Spiele führte. Ob er aufgrund der jüngsten Ereignisse an einen Rücktritt gedacht habe, wurde Bach am Mittwoch während einer Telefonschalte mit Journalisten gefragt. Die kurze Antwort: "Nein".

05:42 min | 28.03.2020 | Das Erste | Autor/in: Robert Kempe

Olympia-Verschiebung: Wer begleicht die Rechnung?

Zwischen Termin-Suche und nicht erfüllten Verträgen: Das IOC ist auch nach der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio unter Druck. Die Sportschau mit einer Bestandsaufnahme.

Bach seit 1980 im IOC

Bach war vor fast 40 Jahren ins IOC eingezogen, damals als Athletenvertreter. Der Fecht-Olympiasieger von 1976 kämpfte vehement gegen den Boykott der Spiele in Moskau 1980, letztlich vergebens. Bach betonte noch Jahre später, wie sehr ihn diese Machtlosigkeit geprägt habe. Vielleicht sträubte er sich deshalb so lange gegen eine Verschiebung, weil er Athleten nicht die Chancen einer Olympia-Teilnahme nehmen wollte.

Box-Turnier mitten in der Corona-Krise

Andererseits: Muss eine gesellschaftlich derart relevante Organisation wie das IOC nicht ebenfalls schnell und konsequent reagieren, wenn weltweit das öffentliche Leben wegen der Corona-Pandemie zum Erliegen kommt? "Letzten Endes hat sich Thomas Bach aus meiner Sicht als unfähig erwiesen, diese Krise zu meistern", urteilte der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop.

Dass das IOC vor zwei Wochen sogar noch ein Qualifikationsturnier der Boxer in London ausrichtete, bei dem sich insgesamt wohl mindestens sechs Athleten und Trainer mit Covid-19 angesteckt haben, unterstreicht den Eindruck, der olympische Dachverband habe ein wenig den Bezug zur Realität verloren. "Man kann den Eindruck gewinnen, Bach lebe in einer Art Elfenbeinturm, umgeben von Leuten, die ihm nicht widersprechen", so ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt, der seit Langem zu den schärfsten Bach-Kritikern gehört.

Neuner kritisiert: Unmögliches Verhalten

Magdalena Neuner ist eine von den Ex-Sportlern, die in Bezug auf den IOC-Präsidenten ebenfalls kein Blatt vor den Mund nehmen (müssen). Sie kritisierte Bach jetzt ebenfalls harsch: "Das Verhalten von Herrn Bach fand ich unmöglich", sagte die Biathlon-Rekordweltmeisterin der "Augsburger Allgemeinen". "Es hat sich genau das widergespiegelt, was ich selbst auch schon erlebt habe: Es geht bei Olympia eben nicht nur um die Sportler. Es geht um sehr viele andere Dinge."

2021 sind Wahlen im IOC

Neu ist es für Bach indes nicht, im Kreuzfeuer der Kritik zu stehen. Dies tut er eigentlich bereits seit 2016, als der große Dopingskandal um Russland publik wurde. Der relativ nachsichtige Umgang mit der Sport-Großmacht stieß bei vielen Sportlern und Funktionären auf Unverständnis, allerdings keineswegs bei allen. Das IOC ist ein komplexes Gebilde von Interessen und Einflüssen. Noch ist nicht zu erkennen, dass Bach um seine Wiederwahl im kommenden Jahr fürchten muss.

Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen in den vergangenen Tagen geändert. Die Macht der Athleten ist größer geworden, das IOC hat mit der Neu-Organisation der Spiele in Tokio eine Herkulesaufgabe zu lösen. Ob dies auch das Internationale Olympische Komitee verändern wird? Die kommenden Monate dürften auch sportpolitisch spannend werden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 28.03.20 19:21 Uhr