Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause bei der Fokussierung auf ihren Wettkampf. © imago images / Christoph Worsch

Psychologie

Olympia-Stars: Außen hart - und innen?

Die einen nehmen die Olympia-Verschiebung ins kommende Jahr sportlich und schmieden eifrig neue Pläne, Die anderen hadern mit der verpassten Chance und tun sich schwer mit dem Blick nach vorn. Nach außen mögen alle Sportler stark und hartgesotten wirken, doch die Seele von Athleten kann ebenso verletzlich sein wie die anderer Menschen. Wie geht es denen, deren Lebenstraum gerade geplatzt ist, denen ein Karriereknick droht oder die Aussicht auf ein weiteres Jahr voller Entbehrungen Angst macht?

Die Ungewissheit und Unsicherheit, ob das Sprung auf den Olympia-Zug auch im nächsten Jahr noch gelingt, kann Sportler durchaus aus der Bahn werfen, sagt der Hamburger Sportpsychologe Thorsten Weidig. "Das geht auch einher mit einem entsprechenden Gefühlschaos von Hilflosigkeit und vielleicht auch Ängstlichkeit, aber auch Ärger, weil man sich vorbereitet hat und jetzt nicht kann."

Phelps befürchtet Anstieg der Suizid-Rate

Der ehemalige US-Schwimmstar Michael Phelps hatte nach der Verlegung der Olympischen Spiele in einem NBC-Interview seine Sorge zum Ausdruck gebracht, dass sich der plötzliche Wegfall eines Lebensziels auf die Suizid-Rate unter Sportlern auswirken könnte. Manche hielten die Äußerungen des erfolgreichsten Olympia-Teilnehmers der Welt, der selbst schon unter Depressionen gelitten hat, für überzogen. Der deutsche Athletensprecher Max Hartung nimmt sie sehr ernst.

Hartung: Menschen, die alles auf ein Pferd setzen

Der Säbelfechter glaubt, dass es einige Sportler geben wird, die in ein tiefes Loch fallen. "Athleten sind, weil sie sich so extrem auf eine einzige Sache konzentrieren, sehr, sehr verletzlich", sagte Hartung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Topathleten seien wie "Menschen, die alles, was sie haben, auf ein einziges Pferd setzen, die ihr ganzes Vermögen in einen einzigen Aktienwert investieren", sagte Hartung. Der Präsident des Vereins Athleten Deutschland hatte schon vor der Olympia-Verschiebung seinen Verzicht auf die Tokio-Spiele erklärt, sollten sie in diesem Sommer stattfinden.

03:25 min | 28.03.2020 | Das Erste | Autor/in: Henning Rütten

Turner Toba und seine Tokio-Mission

Andreas Toba wurde in Rio zum tragischen Olympia-Helden. In Tokio sollte alles besser werden. Nun ist der Turner aus Hannover im Wartestand - und gewinnt der Zwangspause positive Seiten ab.

Krause: Es kostet Kraft und Energie

Selbst Sportler, die Olympische Spiele schon erlebt und große Erfolge errungen haben, sind nicht davor gefeit, dass sich ein solch einschneidendes Ereignis auf ihre Psyche auswirkt. Als einen "großen Tiefschlag" bezeichnete Gesa Felicitas Krause den Moment, in dem die Verschiebung der Olympischen Spiele ins nächste Jahr offiziell wurde. "Ich war noch nie in meinem Leben ziellos, seit anderthalb Jahren arbeite ich akribisch diesem Ziel entgegen. Ich habe kaum Pausen gemacht, weil ich meine gute Form nutzen und weiter aufbauen wollte", sagte die Hindernis-Europameisterin bei "Sport1". "Es kostet Kraft und Energie, sich vorzustellen, noch ein weiteres Jahr darauf hinarbeiten zu müssen. Gerade ist das für mich noch unvorstellbar."

Hauke: Mental krasse Herausforderung

Ähnlich empfindet es Tobias Hauke. Für den zweimaligen Olympiasieger und ehemaligen Welt-Hockeyspieler aus Hamburg sollte Tokio der Schlusspunkt unter seine lange Karriere werden. Als Amateur hat er sein gesamtes Leben diesem einen Ziel untergeordnet. "Unwirklich", nannte er das nun Erlebte, wenngleich er die Verschiebung als alternativlos ansieht. "Aber es hängt so viel dran, und es liegt auch schon so viel Schweiß in der Vorbereitung, dass es schwer ist, es in solch einer Situation zu verarbeiten." Eigentlich wollte sich der 32-Jährige ab August stärker um seine Familie und die Firma seiner Eltern kümmern. Nun fragt er sich, ob er noch ein Jahr dranhängen soll - gerade weil die Warteschleife ja auch für die Konkurrenten zur Kopfsache wird: "Es ist mental eine krasse Herausforderung für alle, und das macht es aus meiner Perspektive nochmal besonders spannend."

Sportpsychologe: Raus aus dem Hamsterrad

Wie auch immer es sich anfühlt, was die Sportler jetzt umtreibt, der Psychologe Weidig rät dazu, "diese Gefühle zu akzeptieren und auch zuzulassen und sie nicht wegzurationalisieren". Dann sei es wichtig, eine Distanz zu den Ereignissen zu finden, um nicht im "gedanklichen Hamsterrad" stecken zu bleiben. Eine gute Strategie sei es, die Verschiebung der Spiele und die Einschränkungen wegen der Corona-Krise als eine Art Saisonpause zu betrachten: "Ich empfehle den Sportlern, die Saisonpause für sich sinnvoll zu nutzen, dass sie den Fokus auf andere Dinge legen und Energie tanken können."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 30.03.20 08:21 Uhr