Sportpsychologin Anett Szigeti © Anett Szigeti

ARD Olympia-Podcast

Sportpsychologin Szigeti: "Kleine Zwischenziele setzen"

Wie reagieren Sportler auf die Olympia-Verschiebung und das Wegfallen eines großen Ziels? Sportpsychologin Anett Szigeti gibt im ARD Olympia-Podcast Antworten.

Wie gehen Sportler damit um, dass die Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr auf den Sommer 2021 verschoben wurden? Folgt jetzt die große Leere? Sportpsychologin Anett Szigeti arbeitet seit Jahren mit Top-Athleten zusammen. Unter anderem hat sie die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst bei ihrem Olympia-Sieg 2016 betreut. Im Interview mit dem ARD Olympia-Podcast erklärt Szigeti die Situation der Sportler und welche Maßnahmen diese ergreifen können.

Was macht es psychologisch mit Sportlern, wenn die sich vier Jahre lang auf den 24. Juli 2020 vorbereiten, und dann fallen die Olympischen Spiele auf einmal aus?

Anett Szigeti: Einige haben es so beschrieben, dass in diesem Moment der Stecker gezogen worden ist. Da fällt ganz plötzlich das weg, was man jeden Tag gemacht hat. Von 100 auf null. Gleichzeitig ist für viele diese Gewissheit aber auch sehr wichtig, nachdem so lange spekuliert worden ist, und keiner wusste, was passiert. Trotzdem muss dieser Schock erst einmal verarbeitet werden - nicht nur kognitiv, sondern auch auf der emotionalen Ebene.

Sie müssen sich entscheiden, ob sie ihr Ziel auch in 16 Monaten noch erreichen wollen. Einige reagieren mit Rückzug, schotten sich ab. Andere möchten ganz viel darüber sprechen. Einige verkraften es besser, andere nicht so einfach. Zum Beispiel, weil sie in ihrer sportlichen Karriere noch keinen Rückschlag hatten.

Was gibt es für psychologische Ansätze, um den Druckabfall zuzulassen und dann wieder die Spannung aufzubauen?

Szigeti: Der erste Schritt ist es, die Situation zu verarbeiten und anzunehmen. Da muss jeder schauen, was es emotional mit einem macht. Einige Sportler haben gesagt, es fühle sich unrealistisch und unwirklich an. Sie konnten sich damit gar nicht auseinandersetzen. Das muss jeder schrittweise tun.

Wie ist es denn für Sportler, vorerst keine Ziele zu haben?

Szigeti: Zunächst einmal fehlt ein Teil des Jobs. Der Wettkampf fällt aus, das Messen mit anderen. Das gehört für Sportler einfach dazu. Es gilt dann, sich kleine Zwischenziele zu setzen. Die müssen aber wiederum auch total dynamisch sein, weil keiner weiß, was in den nächsten Wochen ist. Es kann sein, dass bis zum Ende des Jahres einige Turniere stattfinden. Es kann aber auch sein, dass nicht.

Welche Rolle können da auch Geldsorgen spielen?

Szigeti: Das ist natürlich von Sportart zu Sportart unterschiedlich, aber auch individuell. Einige Sportler verdienen gar kein Geld mit ihrem Sport. Andere ernähren damit eine ganze Familie. Vielleicht ist das Weitermachen gar kein Anreiz, sondern eine Vorgabe, die zu erfüllen ist. Sonst verdient man gar kein Geld mehr.

Leistungssportler gehen an Grenzen und oft auch darüber hinaus. Dafür braucht es eine besondere Willensstärke. Inwieweit spürt man dann aber auch die Rückschläge besonders intensiv?

Szigeti: Das Maß, in dem die Sportler über ihre Grenze hinweg trainiert haben, kann man nicht über 16 Monate aufrechterhalten. Die körperliche, aber auch die mentale Widerstandsfähigkeit kann Sportler nach ganz oben bringen. Diese Eigenschaften sind auch jetzt besonders gefragt. Nach meiner Erfahrung geht das aber nicht in eine negative Richtung, wenn die Sportler jetzt eine Pause bekommen.

Inwiefern sind denn jetzt in der Betreuung der Athleten die Psychologen gefragt?

Szigeti: Es ist wichtig, psychologische und sportpsychologische Angebote zu machen. Ich frage bei den Sportlern, mit denen ich arbeite, selbst nach. Ich lasse ihnen aber auch genug Zeit. Wenn ich in den nächsten Wochen nichts höre, würde ich noch einmal nachfragen. Aber man muss da wirklich eine Mischung finden. Es ist wichtig, dass die Sportler wissen, dass man da ist.

Aber ich sehe auch Familie und Freunde oder Trainer und Betreuter in der Verantwortung, jetzt zu gucken, was die Sportler machen. Wie ist der regelmäßige Kontakt mit ihnen? Hole ich zum Beispiel die Mannschaft einmal in der Woche zusammen, damit alle miteinander sprechen? Oder rufe ich jeden einzeln an? Vereinbare ich bestimmte Termine? Man sollte den Athleten aber auch Raum lassen, um Eigenverantwortung zu übernehmen und zu schauen, was sie gerade brauchen.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit in der Corona-Krise verändert?

Szigeti: Wie die meisten, die im olympischen Jahr in irgendeiner weise als Betreuer arbeiten, wäre ich viel gereist: zu Turnieren, Trainingslagern, zu verschiedenen Maßnahmen. Vier, fünf Tage die Sportler am Stück zu unterstützen, fällt jetzt weg. Es gibt mehr Einzelgespräche, aber auch mehr mit dem Umfeld oder dem Team insgesamt. Man trifft sich jetzt viel über virtuelle Plattformen. Ich könnte nicht sagen, ob ich jetzt mehr oder weniger arbeite. Es ist einfach anders. Auf diesem Weg bin ich mit einigen Sporlern, die ich sonst bis zu Olympia nur noch ein-, zweimal gehört hätte, aber auch regelmäßiger in Kontakt.

Das Interview führte Fabian Wittke, NDR Hörfunk

Dieses Thema im Programm:

Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 03.04.20 13:10 Uhr