11:02 min | 02.08.2021 | Das Erste

Hajo Seppelt über die Gender-Problematik in der Leichtathletik

Nachrichten

Verbannt im Namen der Fairness: Die vergessenen Favoritinnen

von Jörg Winterfeldt

Ein neues Regelwerk des Leichtathletik-Weltverbandes zum Umgang mit intersexuellen Athletinnen hat enorme Folgen. Deutlich wird das Ausmaß bei Olympia in Tokio vor allem im 800-m-Lauf.

Der Einschnitt ist eklatant. Am frühen Dienstagnachmittag (03.08.2021) deutscher Zeit, laut Plan exakt um 14.25 Uhr, wird er endgültig vollzogen. Dann wird in Tokio eine neue Olympiasiegerin im 800-m-Lauf ermittelt. Die Titelverteidigerin von den Spielen in Rio de Janeiro 2016 darf nicht antreten, auch nicht die Silbermedaillengewinnerin oder jene Frau, die Bronze holte. Dafür sorgt eine neue Regel des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics (WA).

"Abweichungen in der Geschlechtsentwicklung" 

Das gesamte Siegerpodium von Rio, die Südafrikanerin Caster Semenya, Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia, ist vom Start auf allen Strecken zwischen 400 Meter und einer Meile ausgeschlossen, weil sie zu den Frauen zählen, die WA unter "Abweichungen in der Geschlechtsentwicklung" führt ("differences in sex development", kurz: "dsd"). Die intersexuellen Frauen produzieren auf natürliche Weise so viel Testosteron wie Männer, sie hätten daher unfaire Vorteile gegenüber anderen Frauen, hat der Verband entschieden. Jahrelang hatten sich Konkurrentinnen beklagt, chancenlos zu sein.   

Medikamente oder Operation notwendig

Vorläufe und Halbfinals über 800 Meter sind in Tokio gelaufen. Und es wirkt ganz so, als solle es mitten im weltweiten Rampenlicht der Olympischen Spiele diese vergessenen Frauen der Leichtathletik geben. "Es ist wirklich entsetzlich", sagt Gregory Nott, Caster Semenyas Anwalt in Südafrika, der ARD-Dopingredaktion. "Caster sollte in Tokio ihren Titel verteidigen, während wir sprechen. Sie hat einfach nicht die Möglichkeit, das zu verteidigen, was ihr rechtmäßig zusteht, wegen dieser Vorschriften. Und die würden eine invasive Operation bedeuten oder die Einnahme eines Medikaments zur Senkung ihres Testosteronspiegels, was ich nicht für akzeptabel halte.

Olympische Sommerspiele in Tokio

Caster Semenya gewann bei den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin Gold.

Nott hat Semenyas Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht. Dort, sagt er, werde der Antrag mit Priorität behandelt. Caster Semenya ist inzwischen 30 Jahre alt. Ende April 2018 hat der Weltverband die neuen Regeln zur Teilnahmeberechtigung eingeführt. Doch Semenyas Kampf dauert bereits ihre ganze Karriere an. Seit sie 2009 in Berlin bei den Weltmeisterschaften als 18-Jährige Gold gewann und die Konkurrenz chancenlos blieb, versuchen Funktionäre, ihr und anderen Frauen mit natürlich erhöhtem Testosteronspiegel das Startrecht abzusprechen. 

Wie weit das ging, zeigte die ARD 2019 in der Dokumentation "Kampf ums Geschlecht - die verstoßenen Frauen des Sports". In dem Film berichtet Annet Negesa aus Uganda von ihren Erlebnissen. Als sie bei den Olympischen Spielen in London 2012 nicht starten durfte, folgte sie Empfehlungen von Medizinern, die der Weltverband ihr genannt hatte, und ließ sich in ihrer Heimat innenliegende Hoden entfernen. Allerdings, sagte sie, hätte sie weder die Art des Eingriffs noch dessen Folgen genau verstanden. 

"Sie haben meinen Traum begraben" 

Inzwischen lebt sie in Berlin, kann erst wieder trainieren, seit sie in Deutschland die nach solchen Eingriffen obligatorische Hormontherapie erhält. Zwei Tabletten täglich machten nach Jahren den postoperativen Schmerzen ein Ende. "Es tut wirklich weh, dass ich nicht in Tokio dabei bin. Ich habe davon geträumt, einmal bei Olympischen Spielen zu laufen. Sie haben damals meinen Traum begraben", sagt Negesa. "Seit ich die Behandlung bekomme und es mir gut geht, versuche ich wieder, ihn zu verwirklichen. Jetzt denke ich, dass ich es 2024 schaffen kann."

Doch die allgemeine Praxis hat sich nicht geändert. Zwar hat der Weltverband nach der Ausstrahlung des ARD-Films zwei Absätze in seine Regeln aufgenommen, die ausdrücklich darauf hinweisen, dass von keiner Athletin "operative anatomische Änderungen verlangt" oder sie zu "Behandlungen gezwungen" werden. Doch unterschwellig stellen Experten wie die Soziologin Payoshni Mitra, die viele betroffene Athletinnen betreut, diesen Druck weiterhin fest. "Jungen Frauen in verschiedenen Ländern, in denen ich arbeite - und ich kenne solche Fälle -, wird noch heute gesagt, sie sollen das Team verlassen, sich operieren lassen und zurückkommen", sagt Mitra. 

Outing durch Disziplinwechsel 

In Tokio lässt sich beobachten, welchen Effekt die neue Regel erzielt. Zahlreiche aus ihren Paradedisziplin vertriebenen Läuferinnen starten nun in anderen Wettbewerben. Regelmäßig werden Läuferinnen so durch die überraschenden Disziplinwechsel unfreiwillig als intersexuell öffentlich geoutet. Mehrere 400-Meter-Läuferinnen, wie die zum Favoritenkreis gezählten Christine Mboma und Beatrice Masilingi aus Namibia oder Aminatou Seyni aus Niger, mussten auf die 200-Meter-Distanz ausweichen. Mboma hat bereits im Halbfinal-Lauf am Montag (02.08.2021) den Junioren-Weltrekord über 200 Meter auf 21,97 Sekunden verbessert.

Die 800-m-Silbermedaillen-Gewinnerin von Rio, Francine Niyonsaba, suchte Zuflucht auf der 5.000-Meter-Strecke. Sie wurde in Tokio disqualifiziert, weil sie nach Ansicht der Kampfrichter die Bahnlinie übertreten hatte. Sie widersprach, legte Einspruch ein, aber ohne Erfolg. "Aber ich bin nicht am Boden zerstört", twitterte Niyonsaba, "je mehr man mich stoppen will, umso stärker werde ich zurückkommen."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia Tokio 2020 | 02.08.2021 | 02:00 Uhr

Stand: 02.08.21 17:33 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge USA USA 39 41 33
2. Flagge Volksrepublik China CHN 38 32 18
3. Flagge Japan JPN 27 14 17
4. Flagge Großbritannien GBR 22 21 22
5. Flagge Russisches Olympisches Komitee ROC 20 28 23
6. Flagge Australien AUS 17 7 22
7. Flagge Niederlande NED 10 12 14
8. Flagge Frankreich FRA 10 12 11
9. Flagge Deutschland GER 10 11 16
Stand nach 339 von 339 Entscheidungen.

Alle Platzierungen | mehr