
Halla - Winklers Goldstück
Am Tag der deutschen Einheit (17. Juni) stehen 1956 im Springreiten die Entscheidungen im Einzel- und Teamwettbewerb an. Die Deutschen - mit Fritz Thiedemann auf Meteor, Alfons Lütke-Westhues auf Ala und Weltmeister Hans Günter Winkler auf Halla - sind nach dem ersten Umlauf in Führung. "HGW" liegt zudem in der Einzelwertung vorn. Doch dafür hat er einen hohen Preis gezahlt: Am 13. und vorletzten Hindernis muss Winkler auf eine unvorhergesehene Bewegung von Halla reagieren und zieht sich beim Zusammendrücken der Knie im Sattel eine Verletzung zu, die sich später als Muskelriss in der Bauchdecke entpuppt. Sein Schmerzensschrei ist so laut, dass die Zuschauer im Stadion zusammenzucken. Fast führungslos stolpert Halla in die letzte Hürde, der Reiter kommt nicht mehr ohne fremde Hilfe aus dem Sattel. Ein erneuter Start scheint undenkbar. Die Ärzte versuchen trotzdem das Unmögliche: Tabletten, Spritzen und Zäpfchen (verabreicht von einem Tierarzt) sollen das Wunder herbeiführen. Nichts funktioniert. Bei den Probesprüngen vor dem zweiten Umlauf verliert Winkler, der zwei Stunden lang mit zusammengegurteten Beinen reglos im Sitzen zugebracht hat, vor Schmerzen fast das Bewusstsein.
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Geschichte
Das waren die Olympischen Spiele 1956
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Das Plakat der Olympischen Spiele von 1956 in Melbourne.
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Olympiastadion bei den ersten Spielen in Australien ist der beeindruckende Melbourne Cricket Ground, der mehr als 100.000 Zuschauern Platz bietet.
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Die deutsche 4x100-m-Staffel der Männer erläuft Bronze: Heinz Fütterer (l.) übergibt beim letzten Wechsel den Stab an Manfred Germar (r.).
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Murray Rose - bereits mit 17 Jahren dreiffacher Olympiasieger (über 400 m und 1.500 m Freistil sowie mit der 4×200-m-Freistilstaffel).
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Im Turnen dominiert die Sowjetunion. Der Ukrainer Viktor Tschukarin holt fünf Medaillen, davon dreimal Gold.
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Hans-Günther Winkler - der deutsche Held bei den Olympischen Reiterspielen in Stockholm 1956. Mit einem Muskelriss sitzt er im Sattel, vor Schmerz fast bewusstlos. "Wunderstute" Halla trägt ihn zum Team-Gold.
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Die deutschen Reiter Fritz Thiedemann (auf Meteor), Hans-Günter Winkler (auf Halla) und Alfons Lütke-Westhues (auf Ala, v.l.) bekommen von IOC-Präsident Avery Brundage (M.) die Goldmedaillen überreicht.
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Der Tscheche Emil Zatopek kann seinen Marathon-Olympiasieg von 1952 nicht wiederholen. Das Langstrecken-Ass erreicht als Sechster das Ziel.
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Starke Fäuste: Der ungarische Boxer Laszlo Papp wird zum dritten Mal hintereinander nach 1948 und 1952 Olympiasieger.
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Auf dem Weg zum ersten Olympia-Gold für die DDR: Boxer Wolfgang Behrendt (l.) aus Ost-Berlin siegt im Bantamgewicht.
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Das berühmteste Wasserball-Spiel der Geschichte: Zwei Wochen nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Ungarn treffen die Teams beider Länder im Halbfinale aufeinander. Die Begegnung ist emotional aufgeladen und wird zum Ende brutal. Der Ungar Ervin Zador (l.) wird im Wasser von einem UdSSR-Spieler angegriffen und verletzt. Ungarn siegt nach Abbruch mit 4:0.
Sensibilität auf vier Beinen
Die schwedischen Kampfrichter beweisen Fairness und ziehen den Aufbau für den schon zum Start aufgerufenen Deutschen immer weiter in die Länge. Winkler wird noch behandelt - erst mit Schmerzmitteln, die das Bewusstsein trüben, und dann mit starkem Kaffee, der ihm letztlich doch den Start ermöglicht. Heute wäre er als Gedopter nicht mehr startberechtigt, damals gab es diese Regularien noch nicht. So lässt er sich zum zweiten und entscheidenden Durchgang in den Sattel heben. Zumal es auch um die Mannschaftswertung geht.
"Halla lacht, als wüsste sie, um was es geht"

Mit Schmerzen übers Hindernis: Hans Günter Winkler.
"HGW" macht sich auf den schweren Parcours und nimmt ein Hindernis nach dem anderen. Es scheint fast so, als seien die Rollen vertauscht: Der Reiter hängt fast bewegungslos im Sattel; Halla, "nur begleitet von meinen Schmerzensschreien über jeden Sprung" - wie Winkler später schildert - trägt ihn wie von einer unsichtbaren Hand gesteuert zum Sieg; und achtet gleichzeitig noch darauf, möglichst sanft zu landen und seinen Reiter nicht zu verlieren. Am Ende gewinnt die "Wunderstute" Halla - "eine Mischung aus Genie und irrer Ziege" (HGW) - Doppelgold: für Winkler - und für die deutsche Mannschaft. "Halla lacht, als wüsste sie, um was es geht", ruft der legendäre Reporter Hans-Heinrich Isenbart mit fast überkippender Stimme in sein Mikrofon.
Kein Turnierpferd darf mehr unter diesem Namen starten
Das "Wunderpferd" erhält Jahre später eine ganz besondere Ehre. Als Halla 1979 im Alter von 34 Jahren stirbt, verfügt die Reiterliche Vereinigung, dass kein Turnierpferd mehr unter diesem Namen starten darf. Ihre Bronzestatue steht vor der Verbandszentrale der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in Warendorf. "Sie war", sagt Winkler, "die größte vierbeinige Persönlichkeit, die es je gab."