Flüchtlingsteam

Flüchtlingsteam in Rio: Ein Symbol der Hoffnung

von Bettina Lenner, sportschau.de

Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele wird in Rio eine aus Flüchtlingen bestehende Mannschaft an den Wettkämpfen teilnehmen. Die zehn Athleten sind glücklich über die Chance, unter der olympischen Flagge starten zu können. Doch ihre Gedanken kreisen um die Heimat.

Sie haben Schlimmes erlebt, flohen aus ihren Heimatländern vor Krieg, Not und Gewalt, verloren Familie und Freunde. Die Erinnerungen schmerzen und der Punkt ist relativ schnell erreicht, da will Rami Anis nicht mehr über die Vergangenheit sprechen. "Ich denke, wir möchten alle nach vorne schauen", sagt der 25 Jahre alte Schwimmer aus Syrien, der in Rio über 100 Freistil und 100 m Schmetterling an den Start gehen wird - als einer von zehn Athleten im vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) neu gegründeten Flüchtlingsteam.

Sportler

Das ist das Flüchtlingsteam in Rio de Janeiro

Mardinis Odyssee endet in Berlin

Praktisch das Gesicht der Mannschaft ist Yusra Mardini, die ebenso wie ihr Kumpel Rami Anis über 100 Freistil und 100 m Schmetterling starten wird. Das liegt auch an der dramatischen Geschichte der Flucht des hübschen Teenagers: Das mit über 20 Insassen überfüllte Schlauchboot drohte zwischen der Türkei und Griechenland unterzugehen. Ihre Schwester, ebenfalls eine Schwimmerin, und sie sprangen ins kalte Wasser der Ägäis und zogen das Boot fast drei Stunden lang bis ans rettende Ufer. Ihre Odyssee endete schließlich im vergangenen November bei den Wasserfreunden Spandau in Berlin. Am Freitag (05.08.2016) wird sie nun bei der Eröffnungsfeier (live im Ersten und bei sportschau.de) unter der weißen Fahne mit den fünf bunten Ringen ins Olympiastadion einlaufen. "Ich werde stolz sein und glücklich. Es wird ein tolles Erlebnis. Ich werde an jeden denken, der mich unterstützt hat", sagte sie am Dienstagabend in Rio.

Es geht um mehr als Edelmetall

Schwimmerin Yusra Mardini © Picture-Alliance Foto: Charlie Riedel

Yusra Mardini will "alles geben".

Aus 43 Kandidaten wählte das IOC die zehn Flüchtlinge aus, die aus Syrien (2), dem Kongo (2), Äthiopien (1) und dem Südsudan (5) stammen. Realistische Medaillenchancen hat keiner von ihnen, ihre Bestleistungen liegen in der Regel über der Olympianorm. Viele, wie auch Mardini, konnten durch den Krieg jahrelang nicht richtig trainieren. Doch es geht um mehr als Edelmetall. "Viele Menschen verlassen sich auf uns, schreiben uns, setzen ihre Hoffnungen in uns. Wir dürfen sie nicht enttäuschen", sagt Mardini, die wie ihre Teamkollegen als Symbol der Hoffnung gilt. Erst neulich schrieb ihr eine italienische Schülerin, dass sie das Hauptthema ihrer Hausarbeit gewesen sei. "Wir repräsentieren gemeinsam 60 Millionen Menschen weltweit und wollen zeigen, dass wir etwas leisten und erreichen können - nicht nur im Sport. Wir werden alles geben", verspricht die Schwimmerin, die keinesfalls als Opfer wahrgenommen werden will: "Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass wir normale Menschen sind. Wir mussten unsere Heimat verlassen und wollen ein besseres Leben. Aber was uns passiert ist, kann jedem anderen auch passieren."

Hoffen auf Tokio 2020

Die Vorfreude auf die Spiele ist bei allen riesig. "Wir messen uns mit den Besten der Welt, das ist fantastisch", unterstreicht Anis, der Syrien 2011 mit seiner Familie verließ, um nicht von der Armee eingezogen zu werden. Heute lebt er in Belgien. Doch der Gedanke an die Heimat ist allgegenwärtig. "Ich vermisse Damaskus sehr und werde eines Tages zurückkehren. Sie sollen nicht aufgeben und sich durch mich an ihre Träume erinnern. Denn ich denke, viele Menschen dort haben ihre Träume vergessen", sagt Mardini. Auch Anis wird bei der Eröffnungsfeier Syrien im Kopf haben - und eine bessere Zukunft: "Ich habe als Kind davon geträumt, bei Olympia für mein Heimatland zu starten. Jetzt ist es nicht so und ich bin froh, dass ich auf diese Weise dabei sein kann. Aber nichts liegt mir mehr am Herzen als meine Heimat - ich hoffe, dass in Tokio 2020 kein Flüchtlingsteam mehr nötig sein wird."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 21.08.2016, 07.00 Uhr

Stand: 03.08.16 01:10 Uhr