
Blankers-Koen - Die "fliegende Hausfrau"
Hausfrau, Mutter - und Weltrekordlerin: So kommt Fanny Blankers-Koen zu den Spielen nach London. Und gewinnt viermal Gold in der Leichtathletik. Mehr lässt das Reglement für Frauen nicht zu. Die Niederländerin muss sich für höchstens vier Disziplinen entscheiden - und wählt die Sprintstrecken: 100 Meter, 200 Meter, 80 Meter Hürden und die 4x100 Meter-Staffel. Auf ihre Weltrekord-Disziplinen Weitsprung und Hochsprung verzichtet sie notgedrungen. Elf Starts innerhalb von acht Tagen, nicht eine Niederlage: erfolgreicher als die "fliegende Hausfrau" 1948 mit vier Goldmedaillen ist seither keine Leichtathletin bei Olympischen Spielen mehr gewesen.
Neuer Abschnitt
Geschichte
Das war Olympia 1948
-
Das offizielle Plakat der XIV. Olympischen Spiele in London. Ausgetragen werden sie vom 29. Juli bis 14. August 1948.
-
Zentrum der Spiele ist das 25 Jahre zuvor eröffnete Wembley-Stadion mit seinen berühmten "Twin Towers".
-
Die Mannschaft der Gastgeber beim Einmarsch ins vollbesetzte Stadion.
-
John Mark, ein 22 Jahre alter Medizinstudent des St. Mary Hospital Paddington, trägt die olympische Flamme bei der Eröffnungsfeier ins Wembley-Stadion.
-
Francina "Fanny" Blankers-Koen (M.) gewinnt den 80-m-Hürden-Lauf der Frauen. Die "fliegende Hausfrau" ist mit vier Olympiasiegen der Star der Spiele in London.
-
Die Marathon-Läufer nehmen am Wembley-Stadion die 42,195 km lange Strecke in Angriff.
-
Es siegt Delfo Cabrera. Der Argentinier wird nach seinem Olympiasieg von begeisterten Landsleuten auf den Schultern getragen. Er stirbt 1981 nach einem Autounfall im Alter von 62 Jahren.
-
Sieger über die 100-m-Strecke wird der US-amerikanische Sprinter Harrison Dillard (l.).
-
Der erst 17-jährige Zehnkampf-Neuling Robert Mathias aus den USA in Aktion - hier beim Diskuswurf. Seinem überraschenden Olympiasieg von London lässt "Bob", wie er von allen genannt wird, 1952 in Helsinki die Titelverteidigung folgen.
-
Der legendäre tschechoslowakische Langstreckenläufer Emil Zatopek gewinnt den 10.000-m-Lauf deutlich, belegt aber über 5.000 m mit 0,2 Sekunden Rückstand auf den Belgier Gaston Reiff "nur" Platz zwei.
-
Der ungarische Hammerwerfer Imre Nemeth gewinnt Gold mit einer Weite von 56,07 m.
-
Die französische Leichtathletin Micheline Ostermeyer gewinnt das Kugelstoßen der Frauen mit einer Weite von 13,75 m.
-
Das Fußball-Turnier gewinnt Schweden mit dem legendären Spieler-Trio Gunnar Nordahl, Nils Liedholm und Gunnar Gren. Jugoslawien wird im Endspiel mit 3:1 besiegt.
-
Die Schwimmer messen sich im Empire Pool der Wembley Arena. Erstmals in der Geschichte Olympischer Sommerspiele werden die Schwimm-Wettbewerbe nicht unter freiem Himmel, sondern in einer Halle ausgetragen.
-
Olympiasieger unter sich: die Goldmedaillengewinnerin im Turmspringen, Victoria Draves aus den USA, und ihr Landsmann Samuel Lee, der das Turmspringen der Männer gewinnt, feiern gemeinsam.
-
Im Tandemrennen über 2.000 m erkämpfen sich die britischen Rennradfahrer Reginald Harris und Alan Bannister die Silbermedaille.
-
Entscheidung auf königlichem Boden: Der Windsor Great Park ist Schauplatz des Straßenrennens über knapp 200 km. Der Franzose José Beyaert holt Gold.
Babysitting beim Training
Interesse am Sport findet Fanny Blankers-Koen schon mit 14; ihr Sportlehrer schickt sie zur Leichtathletik. 1935 stellt sie ihren ersten niederländischen Rekord auf - über 800 Meter. Bei dieser Veranstaltung entdeckt sie der frühere Dreispringer und Sportjournalist Jan Blankers. Unter seiner Obhut entwickelt sich das Multi-Talent so schnell wie es läuft: Bei den Spielen in Berlin rennt sie 18-jährig mit der 4x100-m-Staffel auf Rang fünf, im Hochsprung wird sie Sechste. Mitten in den Kriegswirren heiratet Francina Elsje Koen ihren Trainer; zwei Kinder gehen aus der Ehe hervor. Einen Babysitter hat Fanny nicht - also kommen die Kinder immer mit ins Stadion, wo dreimal die Woche trainiert wird. Mit Erfolg: Bei den Europameisterschaften 1946 in Oslo holt Fanny zweimal Gold - über 80 Meter Hürden und mit der niederländischen Sprint-Staffel.
Rekord-Vorsprung für die Ewigkeit
Eigentlich ist sie 1948 mit 30 schon zu alt. Tatsächlich ist sie aber in London in der Form ihres Lebens. Sie gewinnt nicht einfach; sie distanziert ihre Konkurrenz. Über 200 Meter legt sie sieben Zehntelsekunden zwischen sich und die Zweitplatzierte, die Britin Audrey Williamson. Es wird der größte Vorsprung in der olympischen Geschichte über 200 Meter der Frauen bleiben. Selbst die ebenso legendäre wie umstrittene Florence Griffith-Joyner (USA) hat bei ihrem Fabel-Weltrekord 1988 in Seoul "nur" 38 Hundertstel Abstand zur Zweitplatzierten. Dabei wollte Fanny wegen Erschöpfung zum Finale gar nicht mehr antreten. Auch die Staffel hat es in sich: Mit über fünf Metern Rückstand wird Blankers-Koen auf die letzten hundert Meter geschickt. Dann beginnt ihr unglaublicher Lauf. Erst überrennt sie die Dänin Nissen, dann die Britin Gardner und die Kanadierin Jones, und wenige Meter vor dem Ziel holt sie auch die Australierin King noch ein. "The Flying Dutchmam", wie die internationale Presse sie nennt, ist der Star der Spiele.
Leichtathletin des Jahrhunderts
1953 beendet Fanny Blankers-Koen als eine der erfolgreichsten Leichtathletinnen aller Zeiten nach 20 Jahren ihre Karriere, während der sie nicht weniger als zwölf Weltrekorde in neun verschiedenen Disziplinen auf- und neun weitere einstellt. 1999 wählt der Leichtathletik-Weltverband IAAF die Niederländerin zur "Leichtathletin des Jahrhunderts". Das FKB-Stadion in Hengelo trägt zu ihrem Gedenken den Namen der so bodenständigen "fliegenden Hausfrau", die sich selbst nie als Vorreiterin für den Frauensport gesehen hat. "FKB", in ihren letzten Lebensjahren von Alzheimer heimgesucht, stirbt am 25. Januar 2004 im Alter von 85 Jahren.