
Das Marathon-Drama von St. Louis
Marathon-Experten sind die Macher der Spiele von St. Louis sicher nicht. Sie wollen eine "interessante" Strecke. Deshalb führt diese durch verschlungene Straßen, über staubige Sandwege - und über sieben Hügel. Das Thermometer zeigt 32 Grad im Schatten, als die 32 Läufer am helllichten Nachmittag starten. Nur 14 erreichen das Ziel, darunter mit Len Tauw und Jan Mashiani zwei Angehörige der Tswana aus dem Zululand. Als erste Afrikaner bei Olympischen Spielen beenden sie den Marathon auf den Plätzen neun und zwölf. Mashiani wäre wohl noch weiter vorne angekommen, hätten ihn nicht zwei Hunde während des Rennens durch ein Weizenfeld gejagt.
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Geschichte
Das war Olympia 1904
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Das Plakat der III. Olympischen Spiele in St. Lous 1904. Im Mittelpunkt der graphischen Darstellung: eine Hochhaussilhouette mit einem Raddampfer.
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Die Tochter des amerikanischen Präsidenten, Alice Roosevelt, schaut sich das Spektakel von einer Veranda aus an.
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Der Silbermedaillengewinner im einarmigen Gewichtheben, Frederick Winters (USA).
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Verwegener Blick, modische Kopfbedeckung: Kugelstoß-Olympiasieger Ralph Rose (USA).
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Start zum legendären Marathonlauf von St. Louis - von 32 Startern kommen nur 14 ins Ziel.
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Begleitwagen von Thomas Hicks (USA) beim Olympia-Marathonlauf von St. Louis.
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Hicks wird beim Marathon "erfrischt" - mit einem Cocktail aus Strychnin, Eigelb und Brandy. Es wirkt: Er wird Olympiasieger.
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Doppelsieger im Hürdenlauf: Harry Hillman (USA/l.) - beobachtet von Zuschauern aus ihren Fenstern.
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Dreifach-Triumph auf den Sprintstrecken der Leichtathletik in St. Louis: Archibald Hahn (USA) mit Siegerpokal.
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Dreimal Gold und ein 1.800-Dollar-Pokal für James Lightbody (USA): Sieger über 800 m, 1.500 m und im Hindernislauf.
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Start zum Finale über 100 Yards Freistil mit dem späteren Doppelsieger Zoltán von Halmay (Ungarn).
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Doppel-Olympiasieger in St. Louis über 880 Yards und eine Meile Freistil: Emil Rausch (Berlin), der über 220 Yards außerdem Bronze gewinnt.
Von Zockern und Schwindlern
Der Kubaner Felix Carvajal hat schon vor dem Start eine Odyssee hinter sich: Dem nur 1,53 Meter kleinen Briefträger fehlt das Geld für seinen großen Traum - den Sieg bei einem Marathon. Das erläuft er sich bei unermüdlichen "Bettel" - Runden um das Rathaus von Havanna - und verzockt es nach der Ankunft in New Orleans. Bis St. Louis muss er deshalb wandern, fast 1000 Kilometer. Müde? Mitnichten! Ohne je zuvor einen Marathon gelaufen zu sein, wird Carvajal Olympia-Vierter.
Vermeintlicher Sieger ist der Amerikaner Fred Lorz. Dem Publikumsliebling hat Präsidententochter Alice Roosevelt schon den Siegerkranz überreicht - da fliegt sein Schwindel auf: Lorz hatte nach Krämpfen bei Kilometer 14 schon aufgegeben und sich von einem vorbeifahrenden Wagen mitnehmen lassen. Als auch der Wagen den Geist aufgibt, rennt Lurz einfach weiter. "Nur, um den Jubel zu genießen", wie er später behauptet. Die Funktionäre glauben ihm nicht und belegen ihn mit einer lebenslangen Sperre.
Strychnin verleiht Flügel

Thomas Hicks kollabiert auf der Strecke, gewinnt aber trotzdem Gold.
Sieger wird deshalb Thomas Hicks. Der Amerikaner kommt nach drei Stunden und 28 Minuten ins Ziel, von Halluzinationen gepeinigt und von Helfern gestützt. Eigentlich hatte er schon lange aufgeben wollen, aber sein Trainer verabreicht ihm nach einem Kollaps auf den letzten Kilometern mehrfach einen Cocktail aus einem tausendstel Gramm Strychnin, rohem Ei und mehreren Schlücken Brandy. Solcherart "erfrischt", quält sich Hicks über die Ziellinie, wo ihn vier Ärzte behandeln. Mit sechs Minuten Rückstand wankt der Franzose Albert Coray fantasierend ins Ziel.