
Olympia-Geschichte
Fosburys Flop revolutioniert den Hochsprung
Erst lacht die Konkurrenz. Dann staunt sie. US-Boy Dick Fosbury beherrscht sie. In Mexiko holt er Hochsprung-Gold. Mit dem Rücken zur Latte. So ist bis dahin noch keiner gesprungen. Schneller bogenförmiger Anlauf, Rumpfdrehung bei den letzten Schritten und Lattenüberquerung rücklings. Das sieht gewöhnungsbedürftig aus, ist aber erfolgreicher als die herkömmliche Sprungtechnik, der "Straddle". Dabei überquert der Springer die Latte bäuchlings, das Schwungbein zieht einen Bogen nach oben über die Latte. Das hat Fosbury in seinen Anfängen, mit 16, auch ausprobiert. 1,60 Meter - höher kommt er bei keinem Sprung. Dann beginnt er zu experimentieren.
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Geschichte
Olympische Spiele der Rekorde in Mexiko
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Das Plakat für die Spiele in Mexiko-City erinnert an ein Vexierbild, das ein genaueres Hinschauen erfordert. Die Spiele in Mexiko werden vom 12. bis 27. Oktober 1968 ausgetragen.
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Proteste gegen die etablierte Gesellschaftsordnung: Bei der Niederschlagung der Studentenunruhen sterben zehn Tage vor der Eröffnung der Sommerspiele in Mexiko-City zwischen 200 und 300 Studenten. Das "Massaker von Tlatelolco" wirft einen Schatten auf die anstehenden Olympischen Spiele.
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Der Jahrhundertsprung, bei Olympia bis heute das Maß aller Dinge. Als Bob Beamon anläuft, steht der Weitsprung-Weltrekord bei 8,35 m. Der US-Amerikaner landet bei 8,90 m - der Flug in eine neue Dimension.
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Unvergessen bleibt auch Ingrid Becker: Die Westfälin sorgt für das erste Olympia-Gold der deutschen Mehrkämpferinnen, damals noch im Fünfkampf.
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Dünne Luft und warme Höhe: 10.000-m-Weltrekordler Ron Clarke taumelt nur als Sechster ins Ziel und muss anschließend unter die Sauerstoffmaske.
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Der US-amerikanische Diskuswerfer Al Oerter setzt zum Wurf an und gewinnt mit 64,78 m die Goldmedaille.
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Erst lacht die Konkurrenz, dann staunt sie. US-Boy Dick Fosbury holt mit 2,24 m Hochsprung-Gold. Mit dem Rücken zur Latte. So ist bis dahin noch keiner gesprungen.
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Erstmals starten in einem 100-m-Finale nur Schwarze - der USA-Sprinter Jim Hines (r.) gewinnt in 9,95 Sekunden.
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Für spektakuläre Bilder sorgen aber auch politische Ereignisse: Die US-Amerikaner Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) demonstrieren mit geballter Faust in schwarzem Handschuh für die "Black Power"-Bewegung bei der Siegerehrung für den 200-m-Lauf der Männer.
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Ausgelassene Freude bei Vera Caslavska: Die Tschechin erturnt sich vier olympische Goldmedaillen.
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Erfahren und erfolgreich: Dressurreiter Josef Neckermann gewinnt mit seinem Pferd "Mariano" Teamgold und wird mit 56 Jahren ältester Olympiasieger.
"Spektakulär, aber auch sehr individuell"
"Besser wäre es, wenn du zum Zirkus gehen würdest", rät ihm sein Coach Bernie Wagner. Zwar scheint Fosbury, der über die Highschool zur Leichtathletik kommt, mit 1,93 Metern Körpergröße wie geschaffen für den Hochsprung. "Doch ich war ein unkoordinierter Möchtegern-Athlet", erzählt er später, der weder mit dem Scherensprung noch mit dem "Bauchwälzer" (Straddle) technisch klar kommt. Seine Lösung präsentiert er - statt im Zirkus - in der Manege Olympiastadion. Bis 2,22 Meter hat er keinen einzigen Fehlversuch, als Einziger überquert er im Finale 2,24 Meter - olympischer Rekord. Erst am Weltrekord des Sowjetrussen Valerie Brumel (2,28 m) scheitert der 21-Jährige. "Der Fosbury-Stil ist spektakulär, aber auch sehr individuell. Ich glaube nicht, dass er die Zukunft der Disziplin stark beeinflussen kann", kommentiert der sowjetische Trainer Jurij Djatschkow. Trotzdem fotografiert er jedes Detail von Fosburys Sprüngen.
Standard-Technik als Rekord-Modell
Und Djatschkow irrt. Denn Fosburys scheinbar revolutionäre Sprungtechnik lässt sich leicht erlernen. 1972 springt eine erst 16-jährige Deutsche bei den Spielen von München mit dem "Fosbury-Flop" zum Gold. "Dass Ulrike Meyfarth dabei Weltrekord gesprungen ist, war auch ein Sieg für mich", sagt Fosbury später. Ende der siebziger Jahre ist "sein" Stil zum Standard praktisch aller Top-Athleten geworden. Der Weltrekord "klettert" innerhalb von 22 Jahren um 16 Zentimeter auf 2,45 m; Rekordhalter Javier Sotomayor aus Kuba überspringt seine eigene Körperhöhe (1,93 m) um 52 Zentimeter. Solche Dimensionen wären mit der alten Technik nicht zu schaffen. Fosburys "Flop" löst auch die Blütezeit der deutschen Hochspringer aus. Neben Ulrike Meyfarth (1972/1984) avancieren auch Dietmar Mögenburg (1984) und Heike Henkel (1992) zu Olympiasiegern. "Fosbury hat mein Leben verändert. Ohne ihn wäre ich nie zum Hochsprung gekommen", bekennt Carlo Thränhardt, Deutschlands einziger 2,40-Meter-Springer. Fosburys Karriere endet schon im Jahr nach Mexiko. "Ich wollte nicht länger aus dem Koffer leben", erläutert er.