
Olympia-Geschichte
Bob Beamon fliegt und fliegt und fliegt
Nur ein einziger Sprung. Dann ist das Weitsprung-Finale entschieden, dann haben die Spiele 1968 ihre Sensation, dann gibt es einen Weltrekord von unfassbarer Dimension: Bob Beamons 8,90 Meter. "Das ist ja ungeheuerlich." Mit diesen Worten kommentiert ARD-Reporter Gerd Mehl das Ereignis auf der Anlage gegenüber der Haupttribüne. Etwa sechs Sekunden hat das "Wunder", der vielleicht fantastischste Weltrekord in der Leichtathletik, gedauert. Vom Beginn des Anlaufs über den bis dahin längsten Flug in die Grube bis hin zur Landung weit jenseits des Bereiches, den die optische Weitenmessung erfassen kann. Und genau das bereitet den Kampfrichtern Probleme. Sie müssen von Hand nachmessen, mehrmals - weil das, was das Maßband anzeigt, eben kaum zu glauben ist: 8,90 Meter, 55 Zentimeter mehr als der bisherige Weltrekord von Beamons Landsmann Ralph Boston.
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Geschichte
Olympische Spiele der Rekorde in Mexiko
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Das Plakat für die Spiele in Mexiko-City erinnert an ein Vexierbild, das ein genaueres Hinschauen erfordert. Die Spiele in Mexiko werden vom 12. bis 27. Oktober 1968 ausgetragen.
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Proteste gegen die etablierte Gesellschaftsordnung: Bei der Niederschlagung der Studentenunruhen sterben zehn Tage vor der Eröffnung der Sommerspiele in Mexiko-City zwischen 200 und 300 Studenten. Das "Massaker von Tlatelolco" wirft einen Schatten auf die anstehenden Olympischen Spiele.
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Der Jahrhundertsprung, bei Olympia bis heute das Maß aller Dinge. Als Bob Beamon anläuft, steht der Weitsprung-Weltrekord bei 8,35 m. Der US-Amerikaner landet bei 8,90 m - der Flug in eine neue Dimension.
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Unvergessen bleibt auch Ingrid Becker: Die Westfälin sorgt für das erste Olympia-Gold der deutschen Mehrkämpferinnen, damals noch im Fünfkampf.
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Dünne Luft und warme Höhe: 10.000-m-Weltrekordler Ron Clarke taumelt nur als Sechster ins Ziel und muss anschließend unter die Sauerstoffmaske.
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Der US-amerikanische Diskuswerfer Al Oerter setzt zum Wurf an und gewinnt mit 64,78 m die Goldmedaille.
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Erst lacht die Konkurrenz, dann staunt sie. US-Boy Dick Fosbury holt mit 2,24 m Hochsprung-Gold. Mit dem Rücken zur Latte. So ist bis dahin noch keiner gesprungen.
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Erstmals starten in einem 100-m-Finale nur Schwarze - der USA-Sprinter Jim Hines (r.) gewinnt in 9,95 Sekunden.
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Für spektakuläre Bilder sorgen aber auch politische Ereignisse: Die US-Amerikaner Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) demonstrieren mit geballter Faust in schwarzem Handschuh für die "Black Power"-Bewegung bei der Siegerehrung für den 200-m-Lauf der Männer.
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Ausgelassene Freude bei Vera Caslavska: Die Tschechin erturnt sich vier olympische Goldmedaillen.
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Erfahren und erfolgreich: Dressurreiter Josef Neckermann gewinnt mit seinem Pferd "Mariano" Teamgold und wird mit 56 Jahren ältester Olympiasieger.
Kollaps aus Freude
Als die Weite mehr als zehn Minuten nach dem Sprung endlich auf der Anzeigetafel erscheint, geht ein Aufschrei durch die Ränge. Beamon selbst kann mit dem metrischen Resultat zunächst nichts anfangen. Als ihm "29 feet, 2 1/2 inches" gesagt wird, geht er zu Boden, schlägt die Hände vors Gesicht und beginnt zu weinen. Ralph Boston versucht, ihn inmitten des wieder prasselnden Gewitterschauers zu beruhigen - derselbe Boston, der Beamon bei der Qualifikation nach dessen anfänglichen zwei Fehlversuchen zu einem Sicherheitssprung geraten hat. Der in Jamaica im Bundesstaat New York geborene Schlacks, der soeben Leichtathletik-Geschichte geschrieben hat, läuft noch einmal an, kommt auf 8,04 m - und packt ein. Der Weitsprung ist gelaufen. Für Boston bleibt mit 8,16 m die Bronzemedaille; Silber geht an den Ost-Berliner Klaus Beer (8,19 m).
Beamons Bestmarke hat 23 Jahre Bestand. Erst 1991 bei der WM in Tokio überbietet sein Landsmann Mike Powell im denkwürdigen Duell mit Top-Favorit und Titelverteidiger Carl Lewis (USA/8,91) mit 8,95 Meter die legendäre Weite vom "Sprung ins nächste Jahrtausend", an dem Beamon selbst zu verzweifeln droht. Nie wieder kommt er auch nur annähernd an seine Leistung von Mexiko-Stadt heran.
"Meine Seele jubelt"
Der aktiven Leichtathletik, die dem jungen Mann als Sprungbrett aus seinen schwierigen sozialen Verhältnissen heraus dient, kehrt er vier Jahre nach Mexiko - und dem Abschluss seines Soziologie-Studiums - den Rücken. Auf ein Engagement als Trainer beim mexikanischen Verband folgen sehr unterschiedliche Tätigkeiten als Diskothekenbesitzer, Sozialarbeiter, Handelsvertreter und Showmaster. Gemeinsam mit seiner Frau Milana veröffentlicht Beamon 1999 seine Biografie mit dem Titel "The Man Who Could Fly" (Der Mann, der fliegen konnte). "Jetzt bin ich stolz auf den perfekten Sprung. Wenn ich nach ihm gefragt werde, jubelt meine Seele und sie wird immer jubeln." Mit diesen Worten hat Beamon nach Überlieferung des Leichtathletik-Journalisten Robert Hartmann erst beinahe 20 Jahre nach Mexiko seinen Frieden mit dem unglaublichen Triumph von damals geschlossen.