
Wilma Rudolph - Die schwarze Gazelle
Schön, schnell, grazil: Wer sie sieht, erliegt ihrem Zauber. Mit leichtfüßiger Eleganz erobert US-Sprinterin Wilma Rudolph die Herzen der Fans - und drei Goldmedaillen. Von ihrem anrührenden Schicksal aus Kindertagen ist nichts mehr zu sehen. Dass sie als kränkliches "Frühchen" zur Welt kommt, gerade einmal zwei Kilogramm wiegt, an Kinderlähmung, Lungenentzündung und schließlich auch noch an Scharlach erkrankt: All das ahnt man nicht angesichts der Grazie, mit der sich die 20-Jährige im Olympiastadion von Rom bewegt. Zwei Jahre ihrer Kindheit verbringt die kleine Wilma im Bett. Erst mit sechs kann das 20. von 22 Kindern einer ärmlichen Familie in Tennessee wieder laufen - aber nur mit einer Schiene.
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Geschichte
Die Olympischen Spiele 1960 in Bildern
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Hauptmotiv des Plakats zu den XVII. Olympischen Spielen, die vom 25. August bis 11. September 1960 in Rom ausgetragen werden, ist die Kapitolinische Wölfin, die Romulus und Remus nährt, die legendären Gründer der Stadt.
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Die Marathonläufer starten in der Nähe des Forum Romanum und passieren kurz nach dem Start das Colosseum.
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Der Athiopier Abebe Bikila (l.) gewinnt das Rennen - barfuß. Der Marokkaner Rhadi Ben Abdesselam (r.) holt die Silbermedaille.
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Zwischen Hoffen und Bangen: Der deutsche "Blitzstarter" Armin Hary...
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...gewinnt nach Auswertung des Zielfotos in 10,2 Sekunden Gold im 100-m-Sprint.
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Der US-Amerikaner Rafer Johnson (r.) liefert sich mit dem Chinesen Yang Chuan-Kwang ein spannendes Duell im Zehnkampf. Erst der abschließende 1.500-m-Lauf bringt die Entscheidung: Gold für Johnson mit nur 58 Punkten Vorsprung.
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Die schwarze Gazelle: Wilma Rudolph (USA) erläuft Gold über die 100 m und 200 m sowie in der 4x100-m-Staffel.
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Aus für die USA, Gold für Deutschland: Die 4x100-m-Staffel der US-Amerikaner überläuft die letzte Wechselmarke und wird disqualifiziert. Nutznießer sind die deutschen Sprinter Bernd Cullmann, Armin Hary, Walter Mahlendorf und Martin Lauer (v.l.).
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Die US-amerikanischen Boxer Edward Crook, Cassius Clay (später als Muhammad Ali bekannt) und Wilbert McClure (v.l.) freuen sich über ihre Goldmedaillen.
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Die Ringer-Wettbewerbe werden in einem improvisieren kleinen "Stadion" auf dem legendären Forum Romanum ausgetragen.
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Ringerkönig von Rom: Der Deutsche Wilfried Dietrich (r.) sichert sich zunächst im griechisch-römischen Stil die Silbermedaille. Im Freistil-Turnier reicht dem Pfälzer ein Unentschieden im letzten Kampf gegen den Türken Kaplan, um Gold zu gewinnen.
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Ein strahlender Peter Kohnke wird nach seinem Olympiasieg im Kleinkaliber (liegend) auf Schultern getragen.
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Doppel-Olympiasiegerin Ingrid Krämer aus der DDR: Die 17-jährige Dresdner Oberschülerin erkämpft Siege im Kunstspringen und im Turmspringen.
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Der Deutschland-Achter (v.) schreibt mit dem Sieg in Rom Sportgeschichte und begründet seinen legendären Ruf.
Im Laufrausch zum Weltrekord
Langsam und dank aufopfernder Hilfe ihrer Geschwister, die sie Tag für Tag massieren, kann sich Wilma von ihrem Handicap befreien. Sie ist elf Jahre alt, als ihre Mutter sie eines Tages Basketball spielen sieht - und erstaunt ist von den Fähigkeiten der jungen Wilma. Diese macht nicht nur unter dem Korb eine gute Figur - sie entdeckt dabei auch ihre Lust am Laufen. Die erkennt auch Leichtathletik-Coach Ed Temple, der die Schülerin betreut und ihre Stärken fördert. Für Wilma wird Laufen zur Befreiung, regelrecht zum Rausch. Im Alter von 16 Jahren holt sie über 4x100 Meter Staffel-Bronze bei den Olympischen Spielen 1956.
Erste Frau unter 23 Sekunden über 200 Meter
Schon vor ihrem Auftritt in Rom schreibt Wilma Sportgeschichte: Bei den US-Meisterschaften am 9. Juli 1960 in Corpus Christi (Texas) pulverisiert sie den 200-m-Weltrekord von Betty Cuthbert (23,2) und erzielt als erste Frau der Welt in 22,9 eine Zeit unter 23 Sekunden. Später in Rom wird sie ihrer Favoritenrolle mit der spielerischen Leichtigkeit gerecht, die die Menschen an ihr fasziniert. Am Vorabend des 100-Meter-Finals verstaucht sie sich noch den Knöchel - und triumphiert trotzdem im Finale. In 11,0 Sekunden. Weltrekord, hätte der Wind nicht mit 2,47 Metern pro Sekunde heftiger geblasen als die Regeln erlauben (2 m/s). Doch das ficht Wilma Rudolph nicht an: "War ich nicht schneller als der Wind?", fragt sie mit einem Lächeln.
Ruhmreiche Sozialarbeit
Ein Jahr nach ihrem 100-m-Weltrekord von Stuttgart (11,2) und nur zwei Jahre nach den Spielen von Rom beendet Wilma Rudolph ihre kurze, erfolgreiche Karriere. Vier Kindern schenkt sie das Leben. 1974 wird sie als erste Schwarze in die Hall of Fame der US-Leichtathleten aufgenommen. Die von ihr ins Leben gerufene Wilma-Rudolph-Stiftung unterstützt schwarze Nachwuchsathletinnen. 54-jährig stirbt sie in Nashville (Tennessee) an einem Gehirntumor.