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Deutsche Fußballer greifen nach historischem Gold
Das Hrubesch-Team greift nach dem ersten Olympia-Gold im Fußball für die Bundesrepublik Deutschland, aber der Druck liegt beim Gegner: Gastgeber Brasilien spielt mit der schweren Last von der WM 2014.
Die historische 1:7-Pleite der Selecao gegen Deutschland bei der Heim-WM vor zwei Jahren hat sich ins Gedächtnis der Brasilianer eingebrannt. Und natürlich ist die Demütigung von Belo Horizonte auch vor dem olympischen Finale im Maracana gegen das deutsche Team am Samstag (20.08.2016, 22.30 Uhr) allgegenwärtig. Nur zwei Jahre nach der größten Niederlage der brasilianischen Fußball-Geschichte bekommt das Land des fünfmaligen Weltmeisters die Chance zur Revanche gegen "Alemanha".
Horst Hrubesch wollte die Bedeutung des Spiels zwar nicht zu hoch hängen. "Wir spielen dieses Turnier, da treffen komplett andere Mannschaften aufeinander", meinte der 65-Jährige vor seinem letzten Spiel als Auswahltrainer beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Auch Sportdirektor Hansi Flick, bei der WM 2014 in Belo Horizonte noch Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, möchte beide Turniere nicht vergleichen: "Wir schreiben bei Olympia eine neue, ebenfalls erfolgreiche Geschichte." Hrubesch zeigte seinen Spielern zur Motivation ein Video mit den besten olympischen Momenten.
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Die DFB-Elf vor dem Finale im Teamcheck
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Die DFB-Männer greifen am Samstag im Finale gegen Gastgeber Brasilien nach Gold. ARD-Fußballkommentator Steffen Simon hat die voraussichtliche Startformation unter die Lupe genommen.
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Timo Horn, Tor: Er hat unterschiedliche Leistungen gezeigt. Insbesondere gegen Südkorea (3:3) hatte er ein paar Schwierigkeiten und im Halbfinale gegen Nigeria (2:0) hat er sich einmal beinahe selbst ausgetrickst, als er den Ball nicht richtig getroffen und so dem Gegner zu einer absoluten Großchance aufgelegt hat. Im Nachhinein eine Szene zum Schmunzeln, bei der nichts passiert ist. Ansonsten ist er bisher ein starker Rückhalt, der seit den ersten beiden Gruppenspielen keinen Gegentreffer mehr kassiert hat, also seit drei Begegnungen unbezwungen ist.
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Jeremy Toljan, Rechtsverteidiger: Er ist mit sehr, sehr viel Offensivdrang unterwegs. DFB-Trainer Horst Hrubesch beordert ihn so weit nach vorne, dass er in der Regel mehr den Flügelstürmer als einen Außenverteidiger gibt. Spielt sehr solide, ist immer in der Startelf dabei und sorgt in der Defensive dafür, dass auf seiner Seite nicht viel anbrennt.
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Matthias Ginter (r.), Innenverteidigung: Agiert sehr umsichtig und ist im Turnierverlauf immer besser geworden. Er hat auch schon zwei Tore erzielt. Insbesondere im Halbfinale gegen Nigeria wartete er mit spektakulären Abwehraktionen wie mit einer eingeflogenen Grätsche auf, die à la bonne heure waren.
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Niklas Süle (r.), Innenverteidigung: Er hatte dann Schwierigkeiten, wenn er auf sehr kleine, wendige Gegner stieß. Insbesondere gegen die Südkoreaner gab es ein, zwei Situationen, in denen er das Nachsehen hatte. Ansonsten bärenstark im Abwehrzentrum der Deutschen. Ein Spieler mit tollen Zweikampfwerten, der auch zu genialen Pässen in der Lage ist. Beim 2:2 gegen Mexiko bereitete er ein Tor vor.
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Lukas Klostermann (l.), Linksverteidiger: Er gibt eine sehr starke Vorstellung im olympischen Fußball-Turnier. Gegen die Fidschi-Inseln (10:0) bereitete er zum ersten Mal ein Tor vor, im Halbfinale gegen Nigeria hatte er seinen großen Moment, als er die deutsche Mannschaft mit 1:0 in Führung brachte.
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Lars (M.) und Sven Bender (r.), defensives Mittelfeld: Die Zwillingsbrüder sind der Sockel für das deutsche Spiel. Auf ihrer Leistung ruht alles, sie räumen im defensiven Mittelfeld unglaublich viel weg. Sven ist der etwas zweikampfstärkere, Lars derjenige, der noch mehr für den Spielaufbau tut. Beide kämpfen bis zum Letzten, sind auch zuletzt gegen Nigeria extrem viel gelaufen. Die beiden sind echt super!
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Serge Gnabry (vorne), links offensiv: Er ist in der ersten Partie gegen Mexiko für Leon Goretzka eingewechselt worden und seitdem aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Gemeinsam mit Nils Petersen ist er bei Olympia Führender der Torschützenliste mit inzwischen sechs Toren. Das Halbfinale gegen Nigeria war das erste Spiel, in dem er nicht getroffen hat.
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Max Meyer (r.), Offensivzentrum: Seit der Verletzung seines Schalker Vereinskollegen Leon Goretzka trägt er die Kapitänsbinde. Er hat sich im olympischen Turnier regelrecht freigespielt. Er ist ein genialer Individualist, der technisch stark ist und tolle Pässe spielt. Gegen die Fidschi-Inseln hat er einen Dreierpack erzielt - und auch noch einen Elfer vergeben. Er ist aber vor allem als Vorbereiter gefragt.
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Julian Brandt (Mitte), rechts offensiv: Der Leverkusener stand schon im vorläufigen EM-Kader von Joachim Löw, schaffte es dann nicht nach Frankreich. Er zeigt aber in Rio, dass ihm auch die Zukunft in der A-Nationalmannschaft gehört. Im olympischen Turnier bereitete er bisher sage und schreibe neun Tore vor.
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Davie Selke, Sturm: Wann immer man gegen Gegner spielt, wo es Räume gibt und ein schneller, laufstarker Mann gebraucht wird, steht der Leipziger und nicht Nils Petersen in der Startformation. Er ist ein technisch starker Zentrumsstürmer, der sehr laufstark ist und unheimlich viel für die Mannschaft arbeitet, auch in der Defensive. Ihm haftete - insbesondere im Spiel gegen Portugal - ein bisschen das Schusspech an. Aber da hat Horst Hrubesch zu ihm gehalten, ihn nicht ausgewechselt und wurde am Ende dafür belohnt: Nach vielen vergebenen Chancen hat Selke beim 4:0-Viertelfinalsieg gegen die Portugiesen zum zwischenzeitlichen 3:0 getroffen.
Meyer: "Druck lastet nicht auf uns"
Die Spieler glauben, dass der Gegner im Maracana sicherlich auch gegen das Trauma von 2014 und die Last der Geschichte spielen wird: "Klar, die haben Druck. Ich glaube, dass das Land eine kleine Revanche für das 1:7 erwartet", sagte der Leipziger Angreifer Davie Selke.

Großer Druck lastet auf den Gastgebern um Superstar Neymar.
"Es wird laut werden. Wir stellen uns darauf ein. Das wird gigantisch", bemerkte Lars Bender, der mit Bruder Sven und Nils Petersen die Fraktion der Routiniers im deutschen Team bildet. "Sie haben Neymar, der hat einen Marktwert wie unsere ganze Truppe zusammen. Der Druck lastet jedenfalls nicht auf uns", sagte der Schalker Max Meyer. Und Leverkusens Julian Brandt ergänzte: "Ich finde, dass es ein sehr geiles, anspornendes Gefühl ist, wenn man von 80.000 ausgepfiffen wird."
Beim ersten Olympia-Auftritt seit 1988 in Seoul - damals holten Jürgen Klinsmann und Co. die Bronzemedaille - haben die BRD-Fußballer mit dem Einzug ins Olympia-Endspiel schon ein Novum erreicht. Die DDR hatte 1976 in Montreal unter anderen mit "Dixie" Dörner, Jürgen Croy und Lothar Kurbjuweit Gold geholt, vier Jahre später bei den Boykott-Spielen in Moskau Silber.
Hrubesch verspricht Offensive - auch gegen Neymar und Co.
Nun kann Hrubeschs Mannschaft auch den ersten Olympiasieg für ein gesamtdeutsches Team holen. "Das wird das Spiel unseres Lebens", sagte Stürmer Selke, der mit seinen Mitspielern vor dem Finale in Rio auch ins oylmpische Dorf einzog. Ohne große Stars und mit vielen Kompromissen zusammengestellt, ist dem jungen Team in Rio de Janeiro sogar der ganz große Coup zuzutrauen. "Vor drei Jahren habe ich davon geträumt, dass ich hier sitze", verriet der Trainer. Der Auftrag an seine Olympia-Kicker ist klar: Den Brasilianern um Superstar Neymar schnell die Lust nehmen und selbst an die bisher starken Turnier-Auftritte anküpfen. "Das wollen wir tun", erklärte Freiburgs Stürmer Petersen.
Finale im Maracana - "Davon erzählst du deinen Enkelkindern"
Hrubesch will auch gegen die Gastgeber an der taktischen Ausrichtung seines Teams nichts ändern. "Wir werden offensiv spielen", kündigte der 65-Jährige an. "Wir werden das spielen, was wir im Turnier gezeigt haben. Wir können uns nicht hinten rein stellen." Und seine Spieler sollen trotz der erwarteten Millionen Fans in aller Welt vor den TV-Bildschirmen die Partie einfach genießen. "Es muss einfach Spaß machen, aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel zu machen", sagte Hrubesch. "Gegen Brasilien im Maracana zu spielen, diese Möglichkeit bietet sich jedem Fußballer nur einmal in der Karriere. Dann muss man es annehmen", unterstrich Kölns Torwart Timo Horn. Oder wie es Hrubesch ausdrückte: "In 40 Jahren erzählst Du es deinen Enkelkindern."
Hrubesch: Bierdusche statt Caipirinha
Der DFB-Coach wurde auch nach einer möglichen Siegesfeier gefragt. Auf eine wilde Party habe er keine Lust, schon wegen seines Rückens. "Mir fehlt eine Bandscheibe. Am Ende kann ich dann zwei Tage nicht mehr laufen", meinte der 65-Jährige und zwinkerte mit den Augen. Für sein letztes großes Spiel erhofft sich der DFB-Trainer daher den eher klassischen Jubel: "Ich nehme lieber die Bierdusche."
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Nachrichten
Hrubesch: Mehr als ein "Kopfball-Ungeheuer"
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67 Jahre alt ist Horst Hrubesch. Obwohl der gebürtige Westfale im Rentenalter ist, ans Aufhören denkt das ehemalige "Kopfball-Ungeheuer" aber noch lange nicht.
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Der gelernte Dachdecker (l.) schafft erst spät den Sprung ins Fußballprofigeschäft. Als 24-Jähriger heuert er 1975 bei Rot-Weiss Essen an und macht sich an der Seite von Willi Lippens (r.) einen Namen. In 83 Erst- und Zweitligaspielen erzielt er 80 Tore. Hrubeschs 42 Treffer 1977/1978 sind noch immer Zweitligarekord.
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Hrubesch ist in Essen nicht mehr zu halten, der Hamburger SV verpflichtet den Mittelstürmer. An der Seite von Kevin Keegan (l.) wird Hrubesch mit den Hanseaten auf Anhieb deutscher Meister. Zum Titelgewinn steuert der 1,88 Meter große Hüne 13 Treffer bei.
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Im darauffolgenden Jahr erreicht der HSV das Finale im Europapokal der Landesmeister. Sieben Tore in neun Spielen erzielt Hrubesch, zwei davon beim legendären 5:1 im Halbfinalrückspiel gegen Real Madrid.
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1982 feiert der Top-Stürmer seine zweite Meisterschaft mit den Hamburgern. Legendär ist sein Tor zum 4:3-Sieg bei Bayern München im April in der 90. Minute. Der Sieg ist eine entscheidende Station auf dem Weg zum Titelgewinn. Mit 27 Treffern wird Hrubesch zudem Torschützenkönig. Zum einzigen Mal, was angesichts seiner insgesamt 136 Bundesligatore ein wenig verwundert.
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1983 trifft Hrubesch "nur" noch 18-mal in der Liga. Dass er nicht nur ein "Kopfball-Ungeheuer" ist, zeigt er unter anderem im Pokalspiel gegen Werder Bremen (Torwart Dieter Burdenski, M., ist machtlos).
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Dennoch steht am Saisonende wieder der Titelgewinn. Hier jubelt er an der Seite seines Flankengebers Manfred Kaltz. Hrubeschs Erfolgsgeheimnis: "Manni Fanke, ich Kopf, Tor!"
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Das größte Vereinsspiel der Karriere erlebt Horst Hrubesch jedoch zwei Wochen vorher in Athen. Beim Finale im Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin trifft der Stürmer zwar nicht, ...
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... aber dank eines Tores von Felix Magath gewinnt der HSV den Cup, den Ditmar Jakobs (r.) und Horst Hrubesch in die Höhe recken.
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Trainer Ernst Happel (l.) und sein Stürmer präsentieren stolz die Trophäen. Es sind die letzten für Hrubesch, denn der 32-Jährige bekommt "aus Altersgründen" keinen neuen Vertrag beim HSV.
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Der Routinier heuert für zwei Jahre beim belgischen Erstligisten Standard Lüttich an, wo er jedoch keinen Titel mehr gewinnt. 1985/1986 gibt er noch einmal ein Comeback in der Bundesliga bei Borussia Dortmund. Nach 17 Spielen (zwei Tore) bedeutet eine Leistenoperation jedoch das Karriereende als Spieler.
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In der Nationalelf debütiert Hrubesch ebenfalls spät, aber ebenso erfolgreich. Der HSV-Stürmer erzielt im Finale der Europameisterschaft 1980 beide Treffer zum 2:1-Sieg gegen Belgien.
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Horst Hrubesch, der erst knapp drei Monate vorher als 29-Jähriger sein erstes Länderspiel absolvierte, ist Europameister.
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Auch in der Nationalelf wuchtet Hrubesch die Bälle meist per Kopf ins Tor. Da staunt sogar ein Weltstar wie Frankreichs Michel Platini (l.).
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1982 nimmt der Hamburger an der WM in Spanien teil. Er trifft unter anderem beim 1:0 gegen Österreich - dem Spiel, das zur "Schande von Gijon" wird, weil beiden Teams das Ergebnis zum Weiterkommen reicht und fortan der Ball nur noch hin- und hergeschoben wird. Das WM-Finale gegen Italien (1:3) ist das letzte von Hrubeschs 21 Länderspielen (sechs Tore).
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Nach seinem Karriereende gelingt Hrubesch der nahtlose Übergang vom Spieler zum Trainer. Dem guten Auftakt (Platz zehn mit Aufsteiger Essen in der Zweiten Liga) stehen weniger erfolgreiche Engagements bei Hansa Rostock und Dynamo Dresden gegenüber.
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Horst Hrubesch wechselt zum Deutschen Fußball-Bund (DFB) und ist bei der Europameisterschaft im Jahr 2000 Assistent von Bundestrainer Erich Ribbeck.
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Seine wahre Bestimmung findet er jedoch im Nachwuchsbereich des DFB. Horst Hrubesch übernimmt im Jahr 2002 die U19-Nationalelf.
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2004 trainiert er die U20, formt Spieler wie Robert Huth (l.) zu A-Nationalspielern. Mit der U19 wird Hrubesch 2008 Europameister - der erste Nachwuchstitel für den DFB nach 16-jähriger Durststrecke.
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Der Triumph im Jahr 2009: Die von Hrubesch betreute U21 Deutschlands wird Europameister.
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In der deutschen Elf stehen auch die späteren Weltmeister Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels (hier links im Bild), Sami Khedira und Mesut Özil.
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Mit der Silbermedaille bei den Olympischen Spiele 2016 erfüllt sich der Trainerfuchs einen Traum. Im März 2018 übernahm Hrubesch interimsweise den Posten des Bundestrainers der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft und erreicht souverän die WM-Endrunde. Wie es danach weitergeht? Das weiß Hrubesch vielleicht noch nicht einmal selbst.
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Unwahrscheinlich, dass er sich nur noch seinem großen Hobby widmet, aber Angeln ist seine große Leidenschaft. Dabei hat er Muße, über alles nachzudenken. Unvergessen sein Bonmot: "Man lässt das alles noch mal Paroli laufen."
Stand: 20.08.16 07:37 Uhr
Weitere Informationen
Sportarten
Ergebnisse
Medaillenspiegel
Platz | Land | G | S | B |
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1. |
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46 | 37 | 38 |
2. |
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27 | 23 | 17 |
3. |
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26 | 18 | 26 |
4. |
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19 | 17 | 20 |
5. |
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17 | 10 | 15 |
6. |
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12 | 8 | 21 |
7. |
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10 | 18 | 14 |
8. |
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9 | 3 | 9 |
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