
Jim Thorpe: Der Blitz schlägt ein
Die Schweden bejubeln bei den Olympischen Spielen 2012 einen US-Athleten, obwohl er ihre Mehrkämpfer deutlich distanziert. In seiner Heimat hat Jim Thorpe jedoch einen schweren Stand. Den US-Funktionären ist er ein Dorn im Auge. Denn James Francis Thorpe ist Indianer - vom Stamme der Sac und Fox. 1904 wäre er wahrscheinlich noch im Rahmenprogramm der "anthropologischen Tage" gelandet. Bei den noch stark von Weißen geprägten Spielen erregt der 24-Jährige allein durch sein Aussehen Aufmerksamkeit, sehr zum Unwillen nationalistischer US-Kreise. Thorpe ist der unbestrittene Star der Leichtathletik-Wettkämpfe und schafft fast Unmögliches: Er gewinnt sowohl den Fünfkampf als auch den erstmals bei Olympia ausgetragenen Zehnkampf und belegt ganz "nebenbei" auch noch die Ränge vier im Hochsprung und sieben im Weitsprung.
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Geschichte
Das war Olympia 1912
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In Englisch wirbt dieses offizielle schwedische Plakat für die V. Olympischen Sommerspiele in Stockholm (29. Juni bis 22. Juli 1912).
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Eröffnungsansprache des Kronprinzen Gustav Adolf am 5. Mai 1912, hinter ihm das Internationale Olympische Komitee.
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Alle an einem Strang: Tauziehen gehört 1912 noch zum olympischen Programm.
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Olympia-Gold in Musik: IOC-Präsident Pierre de Coubertin avanciert inkognito - unter dem Pseudonym George Hohrod und Martin Eschbach - mit seiner "Ode an den Sport" zum Olympiasieger.
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Der Brite Arnold Nugent Strode-Jackson (l.) gewinnt den 1.500-m-Lauf der Herren in der Zeit von 3:56,8 Minuten und sichert sich Gold.
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Richard Verderber (l.) aus Österreich, hier im Gefecht gegen den Briten Seligman, holt Bronze im Florettfechten.
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Offenbar nervendes Posing: die siegreiche englische 4x100-m-Freistil-Staffel der Damen mit ihrer Trainerin.
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Silber aus berufener Hand: Der schwedische Kronprinz Gustav Adolf überreicht der deutschen Damen-Staffel über 4x100 m Freistil das Edelmetall.
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Dreifacher Goldmedaillen-Gewinner: der finnische Langstreckler Hannes Kolehmainen (l.), hier bei seinem Sieg über 5.000 m vor Jean Bouin (Frankreich).
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Publikumsliebling der Spiele 1912: Der US-Amerikaner Jim Thorpe holt Gold im Fünf- und Zehnkampf.
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Ringkampf kurios: Geschlagene zehn Stunden dauert das Halbfinale zwischen Alfred Asikainen (Finnland) und dem Russen Martin Klein, der anschließend als Gewinner vor Erschöpfung auf das Finale verzichten muss.
Weltrekord um mehr als 1000 Punkte verbessert
In den Mehrkämpfen wird der Amerikaner seinem Ruf als "Naturgewalt" mehr als gerecht. Den schwedischen Weltrekordler und Olympia-Favoriten Hugo Wieslander deklassiert Thorpe nach allen Regeln der Kunst. Einzig den Speerwurf kann Wieslander für sich entscheiden. In den übrigen neun Disziplinen muss er sich dem Amerikaner geschlagen geben. Wieslanders Zehnkampf-Weltrekord von 7244 Punkten hat Thorpe am Ende mit 8412 Zählern pulverisiert. "Mein Herr, Sie sind der größte Athlet der Welt", gratuliert Schwedens König Gustav V. dem Indianer, dessen stammessprachlicher Name "Wa Tho Huk" übersetzt sehr treffend lautet: "Der Weg ist aufgeklart, nachdem der Blitz eingeschlagen hat".
Späte Rehabilitation
Seine Erfolge werden dem bei seiner Rückkehr als Nationalheld Gefeierten in der Heimat aber geneidet. Nach wie vor gibt es viele, die den Indianer nicht als US-Idol sehen wollen. Schließlich decken Intriganten auf, dass Thorpe bereits 1909 in einer unterklassigen Baseball-Mannschaft gespielt und dafür pro Woche 25 Dollar erhalten hat. Sportfunktionär James Sullivan von der Amerikanischen Leichtathletik-Union bewirkt, dass Thorpe sein Amateurstatus entzogen und ihm sämtliche olympischen Erfolge, Rekorde und Medaillen aberkannt werden. Thorpe sattelt um und unterschreibt einen Vertrag als Football-Profi bei den New York Giants. 1953 stirbt er an Krebs. Erst 30 Jahre nach seinem Tod wird der größte Athlet der damaligen Zeit rehabilitiert und nachträglich wieder zum Olympiasieger erklärt.