
Paavo Nurmi - Das finnische Laufwunder
Mit außerordentlichem taktischen Geschick und einer unvergleichlichen Ausdauerleistung holt der 27-Jährige Paavo Nurmi in Paris insgesamt fünfmal Gold, darunter den legendären Doppelsieg über 1.500 und 5.000 Meter innerhalb einer knappen Stunde - jeweils mit olympischem Rekord. Für diese Meisterleistung begnügt sich der schweigsame Finne über die kürzere Distanz mit einem gleichmäßigen, langsamen Tempo. Im anschließenden Finale über 5.000 Meter liefert er sich mit seinem Landsmann Vilho Ritola, der zuvor die 10.000 Meter für sich entschieden hat, ein erbittertes Duell, das die Zuschauer begeistert. In der Schlussrunde holt Ritola noch einmal auf, doch Nurmi rettet einen Schritt Vorsprung bis ins Ziel.
Erst 80 Jahre später (!) gelingt dem Marokkaner Hicham El Guerrouj 2004 in Athen ebenfalls ein Doppelsieg über die beiden Mittelstrecken - allerdings in einem Abstand von fünf Tagen.
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Geschichte
Das waren die Olympischen Spiele 1924
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Die VIII. Olympischen Spielen werden vom 4. Mai bis zum 27. Juli 1924 in Frankreichs Hauptstadt Paris ausgetragen.
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Auf den französischen Dominikaner-Mönch Henri Didon geht das lateinische Motto der Olympischen Spiele Citius, altius, fortius (deutsch: "Schneller, Höher, Stärker") zurück. In Paris wird es 1924 zum ersten Mal offiziell zitiert.
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Die US-Amerikanerin Helen Wills (l.) gilt noch heute als eine der besten Tennisspielerinnen aller Zeiten. In Paris gewinnt sie im Alter von 18 Jahren Gold im Einzel und im Doppel.
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US-Schwimmer Johnny Weissmüller gewinnt in Paris neben Gold über 400 m noch zwei weitere Goldmedaillen im Schwimmen sowie Silber im Wasserball. Richtig berühmt wird er aber erst später durch seine Hollywood-Karriere als Tarzan-Darsteller.
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Drei Läufer nehmen im olympischen 3.000-m-Hindernisrennen im Pariser Stade de Colombes das Hindernis, das aus einer Hecke besteht, und springen in die Wasserlache.
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Hochspringer Harold M. Osborn aus den USA überquert die Hochsprunglatte bei angezeigten 1,98 m und gewinnt mit dieser Leistung die Goldmedaille. Auch im Zehnkampf wird der 25-Jährige in Paris Olympiasieger.
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Der Geländelauf geht als "Hitzeschlacht von Colombes" in die Geschichte ein. Bei Temperaturen von 45 Grad Celsius erreichen nur 15 der 38 Läufer das Ziel. Am Ende siegt der Finne Paarvo Nurmi (M.) deutlich vor seinem Landsmann Ville Ritola und holt sich so eine seiner insgesamt fünf Goldmedaillen.
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Nurmi siegt außerdem noch über 1.500 und 5.000 m sowie mit der Mannschaft über 3.000 m und beim Geländelauf.
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Der US-Amerikaner William DeHart Hubbard gewinnt am 9. Juli in Paris Weitsprung-Gold mit einer Weite von 7,44 m. Es ist der erste Olympiasieg für einen Schwarzen in einer Einzeldisziplin.
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Das Finish im 200-m-Lauf der Männer im Pariser Stade de Colombe vor einer vollbesetzten Zuschauertribüne: US-Sprinter Jackson Scholz (2.v.l.) wirft sich als erster in die Zielschnur.
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Olympiasiegerin mit 16: Martha Norelius aus den USA gewinnt die Goldmedaille über 400 m Freistil (6:02,2 min).
Warten auf den dritten Mann
Zwei Tage später triumphiert Nurmi auch noch doppelt beim 10.000-Meter-Geländelauf, bei dem Einzel- und Mannschaftswertung gleichzeitig ausgetragen werden. Während Nurmi hinter dem Ziel schon seine Schuhe wechselt, biegt Ritola als Zweiter ins Stadion ein. Aber wo bleibt der dritte Mann für die Teamwertung? Fast vier Minuten vergehen, ehe Heikki Liimataien in die Arena taumelt. Völlig ausgepumpt, bleibt der Geländelauf-Bronzemedaillengewinner von Antwerpen 30 Meter vor der Ziellinie stehen und torkelt dann in die falsche Richtung weiter. Erst die lautstarken Zurufe der Zuschauer bringen ihn wieder auf Kurs, und schließlich findet er nach weiteren zwei Minuten das Ziel. Dennoch gewinnt das finnische Trio die letztmalig ausgetragene Mannschaftswertung vor den USA und Frankreich.
Verbitterung nach lebenslanger Sperre
Vier Jahre später in Amsterdam tauschen Nurmi und Ritola die Goldmedaillen auf den Langstrecken - Nurmi siegt über 10.000, Ritola über 5.000 Meter. Lauf-Legende Nurmi, dessen "mathematischer Gebrauch von Zeit" auch den späteren IOC-Präsidenten Avery Brundage fasziniert, zieht sich vom aktiven Sport zurück, nachdem ihm 1932 - kurz vor Beginn der Spiele in Los Angeles - der Amateurstatus entzogen wird. Lebenslängliche Sperre! Vorwurf: Er habe zu viel Geld für Reisekosten zu einem Wettbewerb in Deutschland erhalten. Nurmi, der aus der Kargheit seiner Jugendzeit so viel Motivation schöpfte, versteht die Welt nicht mehr und versinkt in Verbitterung, aus der er erst 20 Jahre später aufsteigt: 1952 bei den Spielen von Helsinki begeistert er noch einmal ein Stadion - als Schlussläufer der olympischen Fackelträger. Nurmi stirbt am 2. Oktober 1973 in Helsinki. "Er war kein glücklicher Mensch", schreibt Finnlands Staatspräsident Kekkonen - früher selbst Sportler - am Ende seines Nachrufs auf einen der Größten des Sports.