
Paris 1924: Die Spiele der Superstars
Noch einmal Spiele in Frankreich - das wünscht sich IOC-Präsident Pierre de Coubertin zu seinem Abschied. Und er bekommt sie, in Paris. Diesmal - und im Gegensatz zu 1900 - perfekt organisiert und mit herausragenden sportlichen Leistungen: Allein in der Leichtathletik werden trotz teils extremer Hitze sieben Weltrekorde aufgestellt. Allerdings muss Coubertin auch eine persönliche Niederlage einstecken. Gegen den erklärten Willen des IOC-Präsidenten erstreiten sich die Frauen, die bereits 1921 mit der "Frauen-Olympiade" eine ernst zu nehmende Gegenveranstaltung initiiert hatten, ihre erste "offizielle" Teilnahme an den Spielen. Nach 78 weiblichen Aktiven 1920 sind diesmal 136 Frauen bei Olympia vertreten - in sechs Sportarten. Eine Gruppe von lieblosen Holzbaracken mit Speise- und Aufenthaltsräumen sowie einem Postbüro bilden das erste Olympische Dorf. Die Deutschen sind - wie 1920 - abermals von den Spielen ausgeschlossen.
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Geschichte
Das waren die Olympischen Spiele 1924
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Die VIII. Olympischen Spielen werden vom 4. Mai bis zum 27. Juli 1924 in Frankreichs Hauptstadt Paris ausgetragen.
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Auf den französischen Dominikaner-Mönch Henri Didon geht das lateinische Motto der Olympischen Spiele Citius, altius, fortius (deutsch: "Schneller, Höher, Stärker") zurück. In Paris wird es 1924 zum ersten Mal offiziell zitiert.
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Die US-Amerikanerin Helen Wills (l.) gilt noch heute als eine der besten Tennisspielerinnen aller Zeiten. In Paris gewinnt sie im Alter von 18 Jahren Gold im Einzel und im Doppel.
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US-Schwimmer Johnny Weissmüller gewinnt in Paris neben Gold über 400 m noch zwei weitere Goldmedaillen im Schwimmen sowie Silber im Wasserball. Richtig berühmt wird er aber erst später durch seine Hollywood-Karriere als Tarzan-Darsteller.
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Drei Läufer nehmen im olympischen 3.000-m-Hindernisrennen im Pariser Stade de Colombes das Hindernis, das aus einer Hecke besteht, und springen in die Wasserlache.
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Hochspringer Harold M. Osborn aus den USA überquert die Hochsprunglatte bei angezeigten 1,98 m und gewinnt mit dieser Leistung die Goldmedaille. Auch im Zehnkampf wird der 25-Jährige in Paris Olympiasieger.
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Der Geländelauf geht als "Hitzeschlacht von Colombes" in die Geschichte ein. Bei Temperaturen von 45 Grad Celsius erreichen nur 15 der 38 Läufer das Ziel. Am Ende siegt der Finne Paarvo Nurmi (M.) deutlich vor seinem Landsmann Ville Ritola und holt sich so eine seiner insgesamt fünf Goldmedaillen.
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Nurmi siegt außerdem noch über 1.500 und 5.000 m sowie mit der Mannschaft über 3.000 m und beim Geländelauf.
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Der US-Amerikaner William DeHart Hubbard gewinnt am 9. Juli in Paris Weitsprung-Gold mit einer Weite von 7,44 m. Es ist der erste Olympiasieg für einen Schwarzen in einer Einzeldisziplin.
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Das Finish im 200-m-Lauf der Männer im Pariser Stade de Colombe vor einer vollbesetzten Zuschauertribüne: US-Sprinter Jackson Scholz (2.v.l.) wirft sich als erster in die Zielschnur.
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Olympiasiegerin mit 16: Martha Norelius aus den USA gewinnt die Goldmedaille über 400 m Freistil (6:02,2 min).
Heldentaten von Nurmi und Weissmüller
Fünfmal Gold - so sieht die Erfolgsbilanz von Paavo Nurmi in Paris aus. Nach acht Weltrekorden rennt der finnische "Wunderläufer" in der französischen Hauptstadt endgültig auf den Olymp. Zwei Siege - über 1.500 m und 5.000 m - holt der dreimalige Olympiasieger von Antwerpen binnen nur einer Stunde. "Kurz nach dem Lauf war Nurmi noch so frisch und gut gelaunt wie nach einem kurzen Training", notiert der französische Journalist Gaston Bénac im ARD-Olympia-Buch nach Nurmis Doppelerfolg an jenem Tag. Ebenso sensationell, aber öffentlich weniger beachtet, schlägt sich Nurmis Landsmann Vilho Ritola. Mit viermal Gold und zweimal Silber übertrumpft Ritola den großen Nurmi sogar nach Zahl der gewonnenen Plaketten.
Weitere Informationen
In puncto Popularität kommt allein Johnny Weissmüller dem finnischen Ausnahme-Läufer nahe. Der US-Schwimmer, Sohn Siebenbürger Schwaben, glänzt in Paris mit drei Goldmedaillen - sowie Bronze im Wasserball. Unsterblich wird der damals 20-Jährige später in Hollywood - als Darsteller des legendären "Tarzan", dessen weltberühmter Dschungelschrei, wie er später offenbart, auf viel geübtes alpines Jodeln zurückzuführen ist.
Beißer beim Boxen
Für ein Novum sorgt Weitspringer William Hubbard: Dem Amerikaner gelingt als erstem Schwarzen der Sieg in einem Einzelwettbewerb. Gold über 100 Meter geht dagegen erstmals an einen Europäer: Harold Abrahams aus Großbritannien gewinnt in 10,6 Sekunden. Abrahams, Jurastudent der Universität Cambridge, durchbricht damit in Paris die Vorherrschaft der Sprinter aus Übersee. Erst 36 Jahre später schnappt mit dem Deutschen Armin Hary (1960 in Rom) wieder ein Europäer den US-Boys Gold über 100 Meter weg.
Im Turnen dominieren die Schweizer mit zwei Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen. Beim Boxen nimmt der Franzose Roger Brousse den Begriff "Durchbeißen" allzu wörtlich: Er wird im Viertelfinale nachträglich disqualifiziert, weil er seinen Gegner, den Briten Harry Mallin, mehrmals in Brust und Schulter gebissen hat. Mallin gewinnt am Ende Olympia-Gold.