
Antwerpen 1920: Neuanfang nach dem Krieg
Die olympische Idee nimmt nach vier Jahren Kriegswirren und rund zehn Millionen Toten wenig Raum in den Köpfen der Menschen ein. Nicht das nach eigener Satzung neutrale IOC mit Pierre de Coubertin an der Spitze schließt Deutschland aus; das belgische Organisationskomitee lädt Bulgarien, Österreich, Ungarn, das Osmanische Reich und die junge deutsche Republik gar nicht erst ein. Überhaupt - das "gierige" Deutschland: Weil Coubertin fürchtete, die Deutschen wollten als Ausrichter der für 1916 in Berlin geplanten Spiele das Komitee dauerhaft in ihrer Hauptstadt binden, hatte das IOC 1915 seinen Sitz kurzerhand nach Lausanne verlegt. Vor dem Krieg hatte es den Sitz stets am nächsten Austragungsort der Spiele; aber das Kaiserreich hatte sich zuvor geweigert, die Spiele von 1916 abzusagen - in der überheblichen Annahme, der Krieg sei bis dahin längst gewonnen.
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Geschichte
Das waren die Spiele 1920
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Ein junger Diskuswerfer steht im Mittelpunkt des Plakats der VII. Olympischen Spiele. Sie finden vom 7. Juli bis zum 12. September 1920 im belgischen Antwerpen statt.
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Eröffnung der Spiele im Olympiastadion von Antwerpen - erstmals mit der olympischen Fahne im Mittelpunkt.
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Die Fahnenträger mit den Flaggen von insgesamt 29 Teilnehmerstaaten beim Einzug in die Arena.
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Jungspunde unter sich: die 15-jährige Aileen Riggin (USA/l.), die Gold im Kunstspringen holt, und der 14-jährige Schwede Nils Skoglund, der Silber im Turmspringen gewinnt.
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In Siegerpose: der englische Boxer Harry Mallin - Goldmedaillengewinner im Mittelgewicht.
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Gold über 100 und Silber über 200 Meter: Leichtathlet Charles William Paddock (USA).
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Ugo Frigerio, der italienische Sieger über 3.000 m Gehen (13:14,2 min) und 10.000 m Gehen (48:06,2 min).
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Marathon-Sieger Hannes Kolehmainen (Finnland/2:32:35 Std.) beim Einlauf ins Stadion.
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Schwungvoll und anmutig: Suzanne Lenglen (Frankreich), die dominierende Spielerin im Tennis.
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Lenglen holt Gold im Tennis-Einzel und im Mixed mit ihrem Landsmann Max Decugis.
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Das dänische Turner-Team bei einer zeitgenössischen Übung.
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1920 letztmals olympische Disziplin: das Tauziehen.
Antwerpen soll den Neuanfang markieren. Im Stadion weht erstmals die von Coubertin kreierte Fahne mit den fünf ineinander verschlungenen Ringen auf weißem Grund, die die fünf Erdteile symbolisieren. Neben der Fahne erlebt auch der Olympische Eid seine Premiere. Zuschauen ist allerdings ungewöhnlich teuer, weshalb spärliche Kulissen für zum Teil gedämpfte Stimmung sorgen.
Nurmi läuft ins Rampenlicht
Die olympische Leichtathletik erlebt die Geburt eines Idols: Der Finne Paavo Nurmi gewinnt seine ersten drei Goldmedaillen - plus einmal Silber. Noch erfolgreicher ist der amerikanische Sportschütze Willis Lee, der es auf fünfmal Gold und je einmal Silber und Bronze bringt; allerdings unter anderem deshalb, weil im Schießen insgesamt 20 Wettbewerbe ausgetragen werden. Ebenfalls fünfmal Gold holt der italienische Armee-Hauptmann Nedo Nadi, der sich im Fechten buchstäblich als hieb- und stichfest präsentiert.
Lenglen: Aura der Unbesiegbarkeit
Im Stabhochsprung feiern die auf Gold abonnierten Amerikaner weitere Erfolge: Frank Foss überquert mit neuem Weltrekord von 4,09 m erstmals bei Olympischen Spielen die magischen vier Meter. Für Jubel sorgt auch US-Läufer Charles Paddock: Über 100 Meter springt er mit einem riesigen Satz ins Zielband und holt Gold vor Konkurrent Morris Kirksey. Mit Eleganz statt mit Tricks gewinnt Suzanne Lenglen zweimal Gold und einmal Bronze im Tennis. "Wenn man die Gegnerinnen kurz abfertigt, erwirbt man sich eine Aura der Unbesiegbarkeit, die die Moral der Spielerinnen, auf die man später noch trifft, untergräbt", formuliert die französische Millionärstochter ganz unprätentiös.
Gehen mit Musik
Dem Italiener Ugo Frigerio gebührt ein Rang unter den schillerndsten Figuren der olympischen Geherwettbewerbe: Bei seinem Siegesrennen über 10.000 Meter fordert er das Publikum auf, ihn zu unterstützen. Dem Dirigenten der im Stadion anwesenden Musikkapelle übergibt er vor dem Start einige Notenblätter, und eine gute Dreiviertelstunde später überquert Frigerio, "berauscht" von neapolitanischen Klängen, als Sieger die Ziellinie - mit rund 300 Metern Vorsprung. Nach zweimal Gold in Antwerpen gewinnt der Italiener 1924 erneut Gold über zehn Kilometer und 1932 zudem Bronze über 50 Kilometer.