10:03 min | 25.07.2021 | Das Erste

Hitze eine große Herausforderung für Athleten in Tokio

Regelmäßig erlebt Tokio im Juli Hitzerekorde, dazu kommt eine hohe Luftfeuchtigkeit. Die Belastung für Sportler ist extrem hoch.

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Olympia extrem in Tokio: "Bei Hitzeschlag bleiben 30 Minuten"

Das Klima ist ein Dauerthema bei den Olympischen Spielen. Die Hitze ist eine Belastung für die Athletinnen und Athelten. Im Ernstfall kann sie sogar lebensgefährlich werden, erklärt Sportwissenschaftler Dieter Leyk im Interview.

Was passiert im Körper bei hohen Temperaturen unter Belastung?  

Dieter Leyk: Bei körperlichen Belastungen steigt die Wärmeproduktion im Organismus um ein Vielfaches. Dafür ist die arbeitende Muskulatur verantwortlich. Der Muskel ist eine Art Wärmekraftmaschine: Nur weniger als ein Viertel der umgesetzten Energie kann als mechanische Energie genutzt werden. Der größte Teil wird in Wärme gewandelt. Bei hohen Belastungsintensitäten erhöht sich die Wärmeproduktion durch den Muskel um ein Vielfaches. Kommt dann noch Hitze von außen dazu, kann die Körperkerntemperatur schon nach 15 bis 20 Minuten auf 40°C ansteigen. Sobald wir über 40 Grad Körperkerntemperatur kommen, wird es kritisch. Dann kann es unvermittelt zu Hitzeerkrankungen bis hin zu einem lebensgefährlichen Hitzeschlag kommen.  

Was macht einen Hitzeschlag so gefährlich? 

Leyk: Bei einem Hitzeschlag werden im Organismus zunehmend die innersten Zellen der Blutgefäße geschädigt und es kann praktisch in allen Organen zu großen Schäden bis hin zum Multi-Organversagen kommen. Daher muss die Körperkerntemperatur innerhalb von 30 Minuten auf unter 40°C gesenkt werden, die sogenannte "Golden Half Hour". Das geht nur physikalisch, Medikamente helfen nicht. 

Ab welcher Außentemperatur wird Leistungssport gefährlich? 

Leyk: Es wäre ein großer Fehler nur auf die Außentemperatur zu achten. Sonnenstrahlung, Windgeschwindigkeit und vor allem auch die Luftfeuchtigkeit spielen für die klimatische Belastung ebenfalls eine große Rolle. Trockene Hitze mit 35-40°C wird bekanntlich besser kompensiert als 25 Grad bei feuchter Hitze. Der effektivste Abkühlmechanismus des Menschen, das Schwitzen, funktioniert dann nicht mehr. Deshalb sind die feucht-warmen Hitzebedingungen in Tokio ein großes Problem. 

Wie erkenne ich einen Hitzschlag und was muss ich tun?  

Leyk: Die Symptome von Hitzeerkrankungen sind häufig unspezifisch: Ermüdung, Durst, Kopfweh, Übelkeit, Schüttelfrost, Unruhe, Verwirrung. Bei einem Verdacht auf Hitzschlag muss der Sportler sofort aus dem Wettkampf genommen werden, um die massive Produktion von Wärme durch die körperliche Belastung zu beenden. Es muss sofort die Körperkühlung eingeleitet werden: Es zählt jede Minute! 

Welche Rolle spielt der Erfolgsdruck, unter dem Olympioniken stehen?  

Leyk: Hochmotivierte Leistungssportler gehen immer wieder an ihre persönlichen Grenzen, nehmen Risiken in Training und Wettkampf in Kauf. Wenn man viele Jahre hartes Training absolviert, alles auf den Moment bei den Olympischen Spielen ausrichtet, ist es wahrscheinlich, dass gesundheitliche Warnzeichen ignoriert werden. Hier sind auch die Trainer und das medizinische Betreuungsteam wichtig, um gegebenenfalls Athleten vor sich selbst zu schützen.  

Gibt es Sportler, die Vorteile haben, die Hitze besser wegstecken können?  

Leyk: Die Hitzetoleranz unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Die Hitzetoleranz kann sich aber auch bei ein und derselben Person stark verändern. Bei einem akuten Infekt, fehlender Akklimatisation, Medikamenteneinnahme steigt das Risiko für eine Hitzeerkrankung. 

In Tokio sind viele Sportler - bedingt durch die Corona-Pandemie - nur verkürzt am Wettkampfort. Sehen Sie das als verstärkenden Faktor der Hitzeproblematik?

Leyk: Ja, das ist gar keine Frage! Für eine Akklimatisation werden etwa sieben bis zehn Tage benötigt. Die Hitzetoleranz steigt und Hitzebelastungen können leichter kompensiert werden. In dieser Zeit finden viele vorteilhafte Anpassungen statt: Der Athlet fängt nicht nur früher an zu schwitzen, sondern auch die produzierte Schweißmenge steigt, der Kreislauf, die Hautdurchblutung und die Herzfrequenzen sind besser an die Hitzebedingungen angepasst.

Würden Sie empfehlen, dass bestimmte Wettkämpfe bei zu großer Hitze ausgesetzt, verschoben oder abgesagt werden?  

Leyk: Wieder ein klares Ja! Die Veranstalter haben schließlich eine Fürsorge-Verpflichtung und sollten bei einem erhöhten gesundheitlichen Risiko für die Sportler handeln. Eine Risikoabschätzung kann mit Hilfe von Klimasummenmaßen wie dem WBGT-Index (vom US-Militär entwickelt, Anm.d.Red.) und über Wettervorhersagen erfolgen.  

Was halten Sie von Hitzethermometer-Pillen, die der Sportler aufnimmt, damit sie die Kernkörpertemperatur messen und nach außen senden?  

Leyk: In der Medizin ist der Goldstandard zur Bestimmung der Körperkerntemperatur noch immer der Blasenkatheder. Thermopillen werden meines Wissens bislang zu Forschungszwecken eingesetzt und messen die Temperatur im Magen-Darm-Trakt. Ich kann nicht beurteilen, wie valide diese Verfahren sind. Die Frage, die sich mir stellt, ist, wozu diese Pillen eingesetzt werden sollen: Geht es darum, Sportler bei Überschreiten eines Sicherheitsbereiches aus dem Wettbewerb zu nehmen? Oder sollen sich die Sportler mit Hilfe der Technik noch näher an kritische Grenzbereiche wagen? Man könnte stattdessen auch fragen, ob es zu verantworten ist, bei Temperaturen über 30°C und hoher Luftfeuchtigkeit einen Wettkampf zu starten. 

Halten Sie es für ethisch vertretbar, dass die Spiele in Tokio unter diesen Bedingungen stattfinden?  

Leyk: Meine ganz persönliche Antwort als Sportler, Arzt und Wissenschaftler dazu ist, dass Dritte den Athleten wissentlich ein erhöhtes Gesundheitsrisiko übertragen und der olympische Gedanke leider nicht im Vordergrund steht. Es ist völlig klar, dass mit den Spielen gewaltige Interessen verbunden sind und viele Faktoren zu diesem Termin geführt haben. Das IOC hätte eine andere Jahreszeit oder eine andere Region wählen können. Vielleicht wird es irgendwann einmal einen transparenten Kriterienkatalog geben, nach dem Veranstaltungsorte und Zeiten ausgewählt werden. 

Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk leitet die Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie der Deutschen Sporthochschule Köln und des Instituts für Präventivmedizin der Bundeswehr.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia Tokio 2020 | 25.07.2021 | 01:05 Uhr

Stand: 25.07.21 18:40 Uhr

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Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge USA USA 39 41 33
2. Flagge Volksrepublik China CHN 38 32 18
3. Flagge Japan JPN 27 14 17
4. Flagge Großbritannien GBR 22 21 22
5. Flagge Russisches Olympisches Komitee ROC 20 28 23
6. Flagge Australien AUS 17 7 22
7. Flagge Niederlande NED 10 12 14
8. Flagge Frankreich FRA 10 12 11
9. Flagge Deutschland GER 10 11 16
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