
El Quafi: Ahnungslos zum Marathonsieg
Er läuft und läuft und läuft. Der Kolonialfranzose Mohamed El Quafi kommt erst in der zweiten Hälfte des Marathons richtig in Schwung. Er überholt einige. Bis am Ende niemand mehr vor ihm ist. Denn der kuriose Marathon von Amsterdam endet mit dem Außenseitersieg des gebürtigen Algeriers. El Ouafi ist ein umsichtiger Läufer, große Chancen rechnet er sich nicht aus: 1924 in Paris hatte er sich noch einen erbitterten Kampf um Platz sechs geliefert - und verloren. Nach einem Drittel der Strecke liegt der 29-Jährige mehr als zwei Minuten hinter einer Spitzengruppe aus elf Läufern zurück. Unter den Führenden auch der Japaner Kanematsu Yamada, der leichtfüßig seine Konkurrenten deklassieren will.
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Geschichte
Das war Olympia 1928
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Die Figur eines Läufers ist das zentrale Motiv auf dem offiziellen Plakat der IX. Olympischen Spiele. Sie werden vom 17. Mai bis zum 12. August 1928 in Amsterdam ausgetragen.
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Während der Eröffnungsfeier stellen sich die Fahnenträger und die Sportler der teilnehmenden Nationen auf dem Rasen des Amsterdamer Olympiastadions auf.
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Der kanadische Sprinter Percy Williams gewinnt über 100 m und 200 m als 20-Jähriger zweimal Gold. In den beiden Rennen landen die Deutschen Georg Lammers und Helmut Körnig jeweils auf dem Bronzerang.
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Den 100-m-Sprint der Frauen gewinnt die Amerikanerin Elizabeth Robinson (r.) in 12,2 Sekunden vor Fanny Rosenfeld (l.) und Ethel Smith aus Kanada.
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Der australische Ruderer Henry Pearce erkämpft die Goldmedaille im Einer der Herren.
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800-m-Olympiasieger Douglas Lowe (England) kommt nach 1:51,8 Minuten genau eine Sekunde vor dem zweitplatzierten Schweden Erik Byléhn ins Ziel. Dritter wird der Deutsche Hermann Engelhard.
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Die kanadische Hochspringerin Ethel Catherwood gewinnt Gold mit einer übersprungenen Höhe von 1,59 m und sorgt so für zwei Premieren: Sie ist zugleich die erste weibliche Hochsprung-Olympiasiegerin sowie die erste kanadische Goldgewinnerin in einer Einzeldisziplin.
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Der Finne Paavo Nurmi (r.) heftet sich im 10.000-m-Lauf an die Fersen seines Landsmannes Ville Ritola. Am Ende siegt Nurmi knapp mit 0,6 Sekunden Vorsprung.
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Die Karlsruherin Lina Radke-Batschauer (v.) bei ihrem 800-m-Goldlauf vor der zweitplatzierten Kinue Hitomi (Japan). Radke holt in der Weltrekordzeit von 2:16,8 Minuten das erste Gold für deutsche Leichtathleten und zugleich den ersten Olympiasieg einer deutschen Frau überhaupt.
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Die Läufer verlassen nach dem Start des Marathonlaufs das Olympiastadion von Amsterdam.
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Nach 2:32:57 Stunden überquert der für Frankreich startende Algerier Boughera Mohamed El Quafi als Erster die Ziellinie. 26 Sekunden später folgt ihm Manuel Plaza aus Chile auf Platz zwei.
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Neben Medaillen bekommen erfolgreiche Athleten in Amsterdam diese Urkunde.
Verschleißerscheinungen bei den Favoriten
Indem Yamada bei Kilometer 30 die Spitzengruppe sprengt, mischt er das ganze Rennen auf: Alle direkten Konkurrenten verschleißen sich beim Versuch, den Japaner einzuholen - und werden von El Ouafi nach und nach "kassiert". Der Franzose, der erst nach der Wende langsam beschleunigt hat, läuft schließlich auch am führenden Yamada vorbei. Der ist völlig "platt". El Quafi weiß aber nichts - weder von Führungswechseln, noch von Ausreißversuchen. Und registriert auch nicht, dass er schon vorne liegt. Er läuft einfach weiter. Und wundert sich, dass er niemanden mehr überholt - bis er als Sieger ins Ziel kommt.
Ohne Fortune in Paris
Mit seinem Gold geht El Quafi nach Amerika, wo er mit einer Zirkustruppe im New Yorker Madison Square Garden auftritt. Er verdient Geld, verliert aber seinen Amateurstatus. Zurück in Paris, eröffnet er dort ein Café - mit nur mäßigem Erfolg. 28 Jahre später, nach dem Gold-Gewinn seines Landsmanns Alain Mimoun in Melbourne, findet man El Quafi verarmt und arbeitslos. Eine Sammlung, zu der die französische Sportzeitung "L'Équipe" aufruft, erbringt 50.000 Francs. Am 18. Oktober 1959 stirbt Frankreichs erster Marathon-Olympiasieger, erschossen in einem Familienstreit.