
Moskau 1980: Die Boykott-Spiele
Mit ihrem Einmarsch in Afghanistan Ende 1979 verändert die Sowjetunion nicht nur die politische Landkarte, sondern auch die Geschichte der Spiele. Die USA reagieren mit spektakulärer Symbolpolitik: Sie beschließen den Boykott - gegen den Willen zahlreicher heimischer Athleten. Auch die Bundesrepublik, Japan, Kanada, Norwegen und Kenia bleiben Moskau fern. Unter den 81 teilnehmenden Nationen, darunter Großbritannien, Spanien, Neuseeland, Dänemark, Australien, Portugal und Irland ist schließlich auch Afghanistan. Einer der Leidtragenden des westdeutschen Boykotts ist Zehnkampf-Weltrekordler Guido Kratschmer aus Mainz. Als Zuschauer verfolgt er den Sieg des Briten Dailey Thompson mit einem nur mäßigen Ergebnis. "Dieser Wettbewerb war zu gewinnen", lautet Kratschmers bitterer Kommentar. Ein Nachspiel hat der Boykott auch für NOK-Präsident Willi Daume. Er verliert die Wahl zum IOC-Präsidenten gegen Juan Antonio Samaranch aus Spanien. "Der olympische Boykott war eines der berühmtesten, aber widersinnigsten, überflüssigsten und politisch wie sportlich schädlichsten Ereignisse", kritisiert Daume damals.
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Geschichte
Olympia 1980 in Bildern
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Das offizielle Plakat für die XXII. Olympischen Spiele vom 19. Juli bis 3. August 1980 in Moskau: Die Abbildung über den olympischen Ringen soll der Turm der Lomonossow-Universität darstellen.
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Den Olympischen Spielen in Moskau haftet der Makel an, sportlich nur die Hälfte wert zu sein. Ein halbes Jahr nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan reisen nur 81 Mannschaften in die UdSSR.
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Wie schon 1976 siegt Marathon-Läufer Waldemar Cierpinski aus Halle auch in Moskau über die 42,195 Kilometer lange Strecke. Er und der Äthiopier Abebe Bikila (1960, 1964) sind bis heute die einzigen, die ihre Marathon-Olympiasiege wiederholen konnten.
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Achtmal steht Turner Alexander Ditjatin in Moskau auf dem Siegerpodest (dreimal Gold) - so oft wie niemand zuvor bei ein und denselben Spielen.
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Kraftvoller Hangsprung zum Gold: Lutz Dombrowski. Der Chemnitzer wird in Moskau Olympiasieger mit Europarekord von 8,54 m.
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Nach Weltrekord auch Olympia-Gold über 400 Meter: Marita Koch. Die Rostockerin düpiert die Konkurrenz und überquert die Ziellinie mit einer halben Sekunde Vorsprung.
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Nach seinem Weltrekord im Frühsommer 1980 gilt Guido Kratschmer als einer der Gold-Favoriten im Zehnkampf. Durch den Boykott verfolgt Kratschmer den Zehnkampf jedoch nur von der Tribüne aus.
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Die schnellsten 800-m-Läufer der Leichtathletik-Wettbewerbe bei der Siegerehrung: Der britische Olympiasieger Steve Ovett (M.) sowie sein Landsmann Sebastian Coe (h.) und Nikolai Kirow (UdSSR).
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Als erster Schwimmer bleibt Wladimir Salnikow aus der UdSSR über 1.500 Meter Freistil unter der 15-Minuten-Marke und verbessert den bestehenden Weltrekord um sagenhafte vier Sekunden.
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Der Kubaner Teofilo Stevenson (r.) ist der zweite Boxer nach dem Ungarn Laszlo Papp (1948 bis 1956), der bei drei Olympischen Spielen in Folge Gold holt.
Flachland-Weltrekord für Dombrowski
Für die DDR läuft es blendend: Ihre Sportler gewinnen 46 Wettbewerbe. Unvergessen das 400-Meter-Gold von Marita Koch, der Weltrekord der "Blauhemden-Trägerinnen" über 4x100 Meter und der Marathonsieg von Waldemar Cierpinski. Lutz Dombrowski springt 8,54 Meter weit - Europarekord und die zweitbeste Weite nach Bob Beamons 8,90-m-Sprung in Mexico-City zwölf Jahre zuvor. Beim Rudern gewinnen die DDR-Athleten (Männer und Frauen) elf von 14 möglichen Goldmedaillen, auch die ostdeutschen Radsportler dominieren die Wettbewerbe. Die 18-jährige Kanutin Birgit Fischer, heute deutsche Rekord-Olympiasiegerin, gewinnt ihre erste Goldmedaille.
Bildergalerien
Coe und Ovett: Duell wider Willen
Die beiden britischen Mittelstrecken-Stars Steve Ovett und Sebastian Coe laufen zwei Jahre nicht gegeneinander. Keiner will gegen den anderen verlieren. In Moskau gibt es aber kein Entrinnen. 800-m-Weltrekordler Coe ist auf seiner Spezialstrecke taktisch nicht im Bilde. Er verliert ausgerechnet gegen Ovett. Aber den verlorenen Titel holt er sich auf der Paradestrecke von Ovett wieder, der über 1500 Meter den Weltrekord hält. Ovett wird in diesem Lauf nur Dritter. Der Kubaner Teofilo Stevenson ist der zweite Boxer nach dem Ungarn László Papp (1948 bis 1956), der bei drei Olympischen Spielen in Folge Gold holt. Wegen der boykottbedingten schwachen Konkurrenz erwartet der sowjetische Schwimmtrainer keine herausragenden Rekorde. Doch Wladimir Salnikow straft seinen Trainer Lügen und schwimmt als erster Mann die 1500 Meter unter 15 Minuten. Eine Goldmedaille von vielen: 80 Siege stehen am Ende auf dem Konto der UdSSR.
Simbabwes Hockey-Märchen
Die Olympia-Premiere der Hockey-Damen entwickelt sich derweil zu einem Sport-Märchen mit dem Überraschungssieger Simbabwe. Da aufgrund des Boykotts fünf der sechs qualifizierten Mannschaften nicht starten, wird das Teilnehmerfeld mit "Nachrückern" aufgefüllt. Simbabwes Spielerinnen reisen in einem Transportflugzeug ohne Sitze in die UdSSR. Sie sind weder aufeinander eingespielt noch haben sie je zuvor eine Partie auf Kunstrasen ausgetragen. Die passenden Schuhe muss sich die Auswahl vor Ort kaufen. Trotzdem gelingt die Sensation. Das Team holt Gold.