02:30 min | 25.07.2021 | Das Erste

Leon Glatzer - Aufgewachsen am Strand und mit Wellen

Surfen

Surfer Leon Glatzer lebt in Tokio seinen Olympia-Traum

von Bettina Lenner

Leon Glatzer ist der erste deutsche Wellenreiter bei den Sommerspielen. In die olympische Premiere seines Sports in Tokio startet er voller Euphorie - und träumt sogar von Edelmetall.

Das Tattoo am Unterarm ist noch ziemlich frisch. Stolz zeigt er die olympischen Ringe. Braungebrannt, strahlend, sein Shortboard unter den Arm geklemmt, steht Leon Glatzer am Tsurigasaki Beach. Ein Traumstrand. Surfer und Sand, soweit das Auge reicht. Ein Paradies knapp 100 Kilometer südöstlich von Tokio.

Hier feiern die Wellenreiter ab Sonntag (25.7.2021) ihre Olympia-Premiere. Und der 24-Jährige kann noch immer kaum fassen, dass er dabei ist: "Olympia war mein Traum. Ich habe immer zugeschaut und gedacht, das ist so cool! Stell dir vor, du bist ein Olympionike. Aber ich wusste, in meiner Sportart geht das nicht." Als das IOC 2016 beschloss, Surfen für Tokio ins Programm zu nehmen, war er elektrisiert. "Ich dachte sofort: 'Du kannst es schaffen!' Und jetzt bin ich hier. Das ist einfach nur 'Wow!'"

"Olympische Spiele, das ist so toll! Für alle Athleten, den Sport und auch das Surfen in Deutschland." Leon Glatzer

Von Hawaii über Costa Rica nach Tokio zu Olympia

Das Deutsch des sympathischen Weltenbummlers klingt so international, wie die Surferszene ist. Auf Hawaii geboren und in Costa Rica aufgewachsen, surfte Glatzer mit Mutter Katja seine erste Welle, da war er gerade vier Jahre alt. "Das war das beste Gefühl meines Lebens. Ich habe zu Mama gesagt: 'Hey, ich will das mein ganzes Leben machen!'" Doch seine Mutter, die aus Kassel stammt, zog mit ihm in Costa Ricas Hauptstadt San Jose ins Landesinnere, und mit dem Surfen war bis aufs Wochenende erst einmal Schluss. Kurz vor seinem 14. Geburtstag holte Katja Glatzer ihren Sohn dann mit vollbepacktem Auto von der Schule ab und zog mit ihm und seinem Bruder Sean kurzentschlossen ins Surferparadies Pavones. "Da gibt es nichts, nur eine gute Welle", sagt er.

Glatzer: "Ich habe ein Superleben"

Zwei Jahre später unterschrieb Glatzer seinen ersten Profivertrag. Zehn Monate im Jahr ist er unterwegs, rund 30 Stunden pro Woche steht er auf dem Brett. Seine Familie sieht er nur selten. "Das ist schade, aber ich habe ein Superleben", sagt er: "Mein Zuhause ist die ganze Welt." Deutschland fühlt er sich dennoch verbunden: "Bis auf meine Mutter ist meine ganze Familie in Kassel, ich habe viele Freunde in München. Ich bin deutscher als eine Bratwurst."

"Ich war zu Besuch im Athletendorf in Tokio. Das ist natürlich Olympia und ich wäre gerne dort, aber es war mir ein bisschen zu viel. Da musst du mental schon sehr stark sein. Ich muss mich wohlfühlen, um Gold zu holen, und hier fühle ich mich wohler." Leon Glatzer am Tsurigasaki Beach

Duell mit den ganz großen Surfstars

Bei Olympia trifft der Sonnyboy nun auf die ganz großen Surfstars im Feld der 20 Starter. Seine Helden sind Gabriel Medina und John John Florence. Der Brasilianer Medina gewann 2014 und 2018 die Championship Tour, der Amerikaner Florence sicherte sich 2016 und 2017 den Titel. "Ihnen habe ich schon als Kind zugeschaut." Beide zählen auch bei Olympia zu den Favoriten. Anders als Glatzer, für den schon die Teilnahme ein Riesenerfolg ist. Dennoch rechnet er sich einiges aus im Duell Mann gegen Mann, in dem er am Sonntag im fünften Heat des Tages unter anderem gegen Medina um den Einzug in die nächste Runde kämpft. Fünf Kampfrichter bewerten die beiden besten Wellen jedes Athleten, derjenige mit der höheren Punktzahl kommt weiter.

Was leicht aussieht, ist harte Arbeit

"Du hast nur 20 Minuten. Man muss voll im Rhythmus sein und verstehen, wie die Welle kommt. Das ist wie beim Black Jack: Man kann sich auch verzocken", erklärt Glatzers Trainer Martin Walz, der die gute Laune und den Humor seines Schützlings teilt. Wie auch seine sportlichen Ambitionen.

Surfer Leon Glatzer führt während einer Trainingseinheit einen Aerial aus © dpa-Bildfunk Foto: David Goldman/AP/dpa

Die richtige Welle erwischen: Leon Glatzer beim Training.

Der Coach hat im Surf-Sport das sogenannte Scanpath Training etabliert, bei dem es um Blickbewegungen und Fokussierung geht: "Die Augen müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Es geht um Millisekunden", sagt er, während er parallel zwei Tennisbälle in Glatzers Richtung wirft, die dieser beide im Blick behalten muss. Was auf dem Wasser so spielerisch leicht aussieht, ist harte Arbeit. Darin unterscheidet sich Surfen von keinem anderen Sport.

Glatzers Trainer Walz: "Er ist ein Wild Stallion"

Was Glatzer so stark macht, sind seine surferischen Qualitäten. Und seine mentalen. "Er ist ein Wild Stallion. Er kann gut mit Adrenalin umgehen und in den Flow kommen. Das ist eine Gabe", sagt Walz. Als Special-Move hat Glatzer den Kerrupt Flip in petto, eine spektakuläre Drehung um die eigene Achse. "Das ist eins der schwierigsten Manöver, das können nicht viele machen", erklärt der 24-Jährige: "Das ist einer meiner besten Tricks, er hat mich auch hergebracht."

"Ich liebe am Surfen die Freiheit und die Ruhe. Da bist nur du, die Wellen, die Fische und die Delfine." Leon Glatzer

Vorfreude auf den Taifun und die Wellen

Noch ist das Meer allzu ruhig am Tsurigasaki Beach, doch das soll sich mit Wochenbeginn ändern. Ein Taifun ist im Anflug. Klingt erschreckend - aber nicht für die Surfer. "Das wird super, wir freuen uns alle darauf," sagt Glatzer, der von Edelmetall träumt. "Eine Medaille ist drin", glaubt auch Coach Walz.

Leon Glatzer zeigt sein Tattoo mit den olympischen Ringen. © NDR Foto: Bettina Lenner

Die Ringe am Arm: Leon Glatzer zeigt sein Tattoo.

Gelingt der Coup, will Glatzer sein Tattoo in der entsprechenden Medaillenfarbe ausmalen lassen. Er hatte es sich stechen lassen, nachdem er im Juni bei den "World Surfing Games" in El Salvador die letzte Chance beim Schopf ergriffen und in einem achttägigen "Marathon" eines der fünf verbliebenen von nur 20 Tokio-Tickets ergattert hatte. Beim ersten Anlauf 2019 war er um einen Platz gescheitert. Vor Glück drehte sich ihm der Magen um: "Ich habe gekotzt, geheult und gelacht. Es war der beste Tag meines Lebens."

Möglich, dass die Spiele selbst das noch toppen können. "Am liebsten mache ich natürlich alles gold", sagt er mit Blick auf seinen Arm und zeigt sein gewinnendes Lächeln: "Ich habe so auf diesen Moment hingearbeitet. Ich werde alles dafür geben."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia Tokio 2020 | 25.07.2021 | 08:15 Uhr

Stand: 23.07.21 12:35 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge USA USA 39 41 33
2. Flagge Volksrepublik China CHN 38 32 18
3. Flagge Japan JPN 27 14 17
4. Flagge Großbritannien GBR 22 21 22
5. Flagge Russisches Olympisches Komitee ROC 20 28 23
6. Flagge Australien AUS 17 7 22
7. Flagge Niederlande NED 10 12 14
8. Flagge Frankreich FRA 10 12 11
9. Flagge Deutschland GER 10 11 16
Stand nach 339 von 339 Entscheidungen.

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