Gerd Gottlob © NDR Foto: Bettina Lenner

ARD-Bilanz

ARD-Teamchef Gottlob: Positive Bilanz nach schwierigen Spielen

Die Olympischen Spiele in Tokio waren nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung - auch für die ARD, die 140 Stunden live im TV und mehr als 1.500 Stunden im Internet und HbbTV übertragen hat. Teamchef Gerd Gottlob zieht im Interview Bilanz.

Herr Gottlob, Olympia in Tokio stand auch im Zeichen der Corona-Pandemie. Wie haben Sie die Olympischen Spiele empfunden? 

Gerd Gottlob: Ich habe es so empfunden, dass alle Beteiligten die widrigen Umstände akzeptiert haben nach dem Motto 'Es ist jetzt so. Lasst uns das Beste draus machen'. Und ich finde, dass das auch sehr gut funktioniert hat. Der Sport und die Athletinnen und Athleten standen im Mittelpunkt. Es gab fantastische Bilder, Emotionen, Dramen. 

In der japanischen Bevölkerung gab es wegen der Pandemie nicht nur Begeisterung, sondern auch Proteste gegen die Durchführung der Spiele. Wie haben Sie die Stimmung im Land wahrgenommen?

Gottlob: Es war bedauerlich, dass die Menschen des Gastgeberlandes ihre Spiele aufgrund der Pandemie nicht zelebrieren konnten. Es gab keine ausgelassene, freudvolle Stimmung in der Stadt, die sonst spürbar ist und wenige dieser sonst zahlreichen herzlichen Begegnungen. Stattdessen fühlte man eher eine Beklemmung, dass die Olympiagäste im Prinzip nicht oder nur bei wenigen willkommen sind. Japan musste die Spiele zulassen und ist froh, dass es nun geschafft ist.

Olympische Spiele sind generell eine große logistische Herausforderung - auch für die übertragenden Fernseh- und Radiosender. Wie hat die Pandemie das Mammutprojekt beeinflusst?

Gottlob: Wir haben im vergangenen Sommer zusammen mit dem ZDF ein komplett neues Produktionskonzept entworfen. Das hat nochmal wahnsinnig viel Energie gekostet. Bis wenige Wochen vor Beginn der Spiele begleitete uns eine Ungewissheit, was denn wirklich möglich sein wird. Auf jeden Fall wollten wir aus dem TV-Studio in der Tokyo Bay präsentieren. Die Pandemie hat uns sowohl an den Standorten in Mainz und Hamburg, als auch in Tokio vor große Herausforderungen gestellt. Ich bin erleichtert, dass alle Mitarbeitenden wieder gesund nach Hause kommen.  

Die ARD hat rund 140 Stunden live im linearen TV übertragen, hinzu kamen rund 1.500 Stunden Livesport im Internet, der ARD-Mediathek und HbbTV. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Gottlob: Rundherum positiv - und zwar für alle Ausspielwege. Ich finde, dass wir ein tolles Programmangebot hatten. Die sehr guten Zahlen zu TV-Reichweiten und Abrufzahlen für unser digitales Angebot belegen, dass die Menschen und Deutschland Olympia unbedingt miterleben wollten. Wir haben ein wunderbar vielseitiges Portfolio geschaffen, das überragend angenommen wurde. Auch das Feedback zum Radio-Angebot war extrem positiv, beispielsweise für den täglichen Olympia-Podcast.

Welche Sportarten haben die Zuschauerinnen und Zuschauer besonders interessiert?

Gottlob: Das Verrückte und Schöne bei Olympia ist ja, dass die Menschen sich für alles interessieren. Bogenschießen und Fußball sind bei Olympia auf Augenhöhe beispielsweise mit fast 30 Prozent Marktanteil. Aber Klassiker sind natürlich auch Leichtathletik, Turnen, Reiten. 

Welche olympischen Momente haben Sie in Tokio besonders beeindruckt - und welche besonders nachdenklich gestimmt?

Gottlob: Mir ist aufgefallen, dass sehr, sehr viele Tränen zu sehen waren. Meistens Glückstränen, seltener aus Enttäuschung. Ich glaube, dass die Gefühle der Sportlerinnen und Sportler durch die Folgen der Pandemie besonders intensiv bei diesen Spielen waren. Wie wäre dies bloß noch mit Zuschauern und dem Jubel und ihrer Anerkennung gewesen? Ich war begeistert vom Doppelgold beim Männer-Hochsprung. Und es war ein sehr trauriger Moment, als Annika Schleu es beim Fünfkampf in ihrer Verzweiflung nicht geschafft hat, einfach von ihrem Pferd zu steigen.   

Was erwarten Sie sich von den Paralympics?

Gottlob: Sie werden ähnlich gut organisiert sein, aber ich kann nur hoffen, dass doch noch Zuschauer an den Wettkampfstätten zugelassen werden, denn die Athletinnen und Athleten benötigen den Zuspruch und die Anerkennung von den Rängen! 

Die nächsten Olympischen Spiele finden durch die Verschiebung der Tokio-Spiele bereits in drei Jahren statt. Was bedeutet das für Ihre Planungen?

Gottlob: Nach den Spielen ist vor den Spielen. Wir haben fleißig unsere Erkenntnisse gesammelt und werden schon im Herbst den Blick nach vorne richten. Für die ARD gilt aber auch dieses Mal: Jede Olympiaausgabe ist anders und lässt sich nur schwer mit der zurückliegenden vergleichen. 

Was erwarten und erhoffen Sie sich von Olympia 2024 in Paris?

Gottlob: Nach vier Spielen mit großem Zeitunterschied (Rio, Pyeongchang, Tokio, Peking) wird Olympia endlich wieder in unserer Zeitzone stattfinden. So kann Paris 2024 wirklich ein großes, emotionales Sportfest werden vor toller Kulisse in einer wunderschönen Stadt mit hoffentlich Millionen von Zuschauern.

Das Interview führte Bettina Lenner

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia Tokio 2020 | 07.08.2021 | 23:50 Uhr

Stand: 08.08.21 09:10 Uhr