Kommentar

Frau mit Atemschutzmaske vor Werbeplakat für die Olympischen Sommerspiele in Tokio © picture alliance Foto: Mariko Ishizuka

IOC

Kommentar: Moloch Olympia ist unregierbar geworden

Ein Kommentar von Holger Gerska

Für das Zögern bei der Olympia-Verschiebung mag es gute Gründe geben. Dennoch ist das Krisenmanagement des IOC ein mittleres PR-Desaster, meint Holger Gerska, ARD-Olympia-Programmchef Hörfunk.

Holger Gerska © NDR Foto: Christian Spielmann

Holger Gerska vom NDR Hörfunk.

Ja, Thomas Bach und das IOC zu kritisieren ist total in - und es ist auch leicht. Von eklatantem Führungsversagen spricht die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag. Von Hinhaltetaktik der Wasserspringer Patrick Hausding. Verantwortungslos nennt es die Para-Sportlerin Denise Schindler. Und alle sind sich einig: Verschiebt die Spiele doch einfach um ein Jahr, so wie es die Europäische Fußball-Union UEFA mit ihrer Europameisterschaft so vorbildlich gemacht hat.

Es ist komplexer als beim Fußball

Aber ist es wirklich so einfach? Nein, dass ist es meiner Meinung nach nicht. Und eigentlich sind die unfassbar komplexen Probleme auch nicht in den nächsten vier Wochen zu lösen, selbst wenn die IOC-Manager schon wochenlang nach einem Ausweg suchen sollten.

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin sprach am Wochenende von hundert Verträgen, die er vor der Verschiebung der Fußball-EM prüfen musste. Da geht es um eine Sportart und einen Kontinent. Und trotzdem torpedierte er mit dem neuen Termin die eigene Europameisterschaft der Fußballerinnen, die nun nicht mehr wie geplant stattfinden kann.

Nachhaltigkeit und Nachnutzung plötzlich ein Problem

Bei Olympischen Spielen geht es um 33 Sportarten und alle Kontinente. Und wahrscheinlich um zehntausende Verträge. Manches ist sicher lösbar: Das Chaos in den Qualifikationen, die Probleme mit einem aus den Fugen geratenen internationalen Sportkalender, die Absicherung der Sportlerinnen und Sportler, deren Verträge mit Arbeitgebern, Förderern und Sponsoren zum eigentlich Olympia-Termin auslaufen.

Die ganz großen Sorgen aber betreffen die Logistik des gigantischen Olympia-Projekts in Tokio. Viele Sportstätten stehen bei einer möglichen Verschiebung nicht mehr zur Verfügung. Die Messehallen sind für 2021 längst vermietet, das Gelände für das riesige Medienzentrum ebenso. Die Japaner setzen auf Nachhaltigkeit und Nachnutzung, ausgerechnet das fällt den Planern jetzt auf die Füße.

03:19 min | 23.03.2020 | NDR Info | Autor/in: Holger Gerska

Olympia und die Corona-Krise: Ein mittleres PR-Desaster

Das Internationale Olympische Komitee will in den kommenden vier Wochen über eine Verschiebung der Tokio-Spiele entscheiden, die Sportwelt ist gespalten. Ein Kommentar von Holger Gerska.

Geld darf keine Rolle spielen - aber jemand muss bezahlen

18.000 Menschen wollen im Spätherbst ins Olympische Dorf einziehen. Deren Sorgen sind nicht in vier Wochen wegzuverhandeln. Und schon gar nicht die Millionen von Hotelnächten, die in Tokio für den Sommer von Zuschauern, Sponsoren und Medien gebucht worden sind. Wer übernimmt die Stornokosten? Insgesamt rechnen Experten mit Kosten von fünf bis sieben Milliarden Euro allein in Japan.

Ganz klar: Geld darf keine Rolle spielen wenn es um die Gesundheit geht. Nur bezahlen muss eine Olympia-Verschiebung ja trotzdem irgendjemand in Zeiten einer heraufziehenden Weltwirtschaftskrise. Das will erst einmal geklärt sein in vier Wochen.

Fragwürdiges Finanzierungsmodell

Es gibt trotzdem einiges, was Thomas Bach und dem IOC vorzuwerfen ist. Dass nicht schon vor zwei Wochen offen und transparent auf die vielen Probleme hingewiesen und stattdessen mantra-artig ein Plan B ausgeschlossen wurde, ist ein mittleres PR-Desaster. Thomas Bach muss mehr als 200 Nationale Olympische Komitees bei Laune halten. Das ist sein Wahlvolk. Die große Mehrheit will Olympische Sommerspiele so schnell wie möglich. Afrikaner, Südamerikaner, die meisten Asiaten, Osteuropäer.

Corona ist dort nicht so präsent oder wird verdrängt. Nur Sommerspiele lassen die Kassen klingeln und halten den Sportbetrieb am Laufen. Das gilt ebenso für viele Internationale Verbände der kleineren Sportarten, die das Geld, das sich nur mit Olympia verdienen lässt, noch dringender brauchen. Dieses fragwürdige Finanzierungsmodell des modernen Sports hat das IOC zu verantworten.

Vor allem aber zeigt sich in der jetzigen Pandemie: Der Moloch Olympia ist zu groß, zu teuer und zu unflexibel geworden. Und damit unregierbar und für Krisenfälle nicht gerüstet. Thomas Bach hat als jahrzehntelanges IOC-Mitglied dieses Ungetüm immer weiter sorglos wachsen lassen. Und dafür verdient er wirklich deutliche Kritik.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 23.03.20 16:25 Uhr