Kommentar

03:53 min | 04.09.2021 | Das Erste

Die Gesamtbilanz des deutschen Teams bei den Paralympics

Paralympics-Bilanz

Kommentar: Para-Sportler verdienen mehr Förderung und Anerkennung

von Holger Gerska

Nach den Olympischen Spielen waren auch die Paralympics in Tokio ein ganz besonderes Ereignis: Wegen der Corona-Pandemie mit einem Jahr Verspätung und (fast) ohne Zuschauer durchgeführt, wussten die Athletinnen und Athleten mit ihren sportlichen Leistungen dennoch zu überzeugen. In Deutschland gelte es nun, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch in Zukunft Erfolge auf hohem para-sportlichen Niveau möglich sind, kommentiert Holger Gerska aus dem ARD-Paralympics-Team in Tokio.

Es bleiben große Augenblicke in Erinnerung von diesen Paralympics - auch von deutschen Sportlerinnen und Sportlern. Sei es der Gold-Lauf des Prothesensprinters Johannes Floors, der Weltrekord des Schwimmers Taliso Engel oder der Moment, als die Kanu-Siegerin Edina Müller direkt nach dem Triumph ihren kleinen Sohn in die Arme nehmen konnte.

Letztlich zählt auch die Zahl der Medaillen

Aber zur Wahrheit gehören auch nackte Zahlen. Immer wieder drängen paralympische Sportlerinnen und Sportler darauf, auch ihre Wettkämpfe als Leistungssport zu betrachten. Sie wollen kein Mitleid, kein übertriebenes Staunen darüber, was alles möglich ist mit Handicap, keine Sonderbehandlungen.

Letztlich zählen auch hier die Fakten: Deutschland war in Rio Sechster im Nationen-Ranking, jetzt ist es Platz zwölf. Es gab rund ein Viertel weniger Medaillen als 2016. Die Rückkehr der russischen Athletinnen und Athleten ist dabei eher eine Alibi-Ausrede. Unsere niederländischen Nachbarn waren vor fünf Jahren in Brasilien auch Tabellennachbarn im Medaillenspiegel. Deutschland hatte 18 Mal Gold, die Niederländer 17, jetzt hat Deutschland 13 Paralympics-Siege zu verzeichnen und die Niederlande 25.

02:51 min | 05.09.2021 | Das Erste | Autor/in: Weiskirch, Philipp

Paralympics-Fazit: Deutsches Team zieht positive Bilanz

Das deutsche Team hat in Tokio deutlich weniger Medaillen gewonnen als vor fünf Jahren in Rio. Dennoch sehen die Beteiligten mehr Licht als Schatten.

Para-Sport ist längst Hochleistungssport

Da läuft was schief - und das lässt sich auch nicht schönreden. Auch wenn die routinierten Chefs des Deutschen Behindertensportverbandes das eifrig probiert haben. Und damit beginnt schon das Problem. Verbandspräsident Friedhelm Julius Beucher, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter, ist 75 - und will sich im Herbst wiederwählen lassen. Mannschaftsleiter Karl Quade erlebte in Tokio seine 13. Paralympics in dieser Funktion.

Ja, Routine und Erfahrung sind gefragt, aber der deutsche Sport braucht dringend den berühmten frischen Wind. Innovationen und Ideen müssen zu professionellen Strukturen führen. Längst ist der Para-Sport kein Reha-Sport mehr, sondern Hochleistungssport. Und Hochleistungssport will gemanagt und vermarktet sein.

Größere finanzielle Förderung ist nötig und wichtig

Und damit sind wir beim Thema Geld. Geld ist nicht gleich Gold, das wissen wir. Rund zehn Millionen Euro jährlich lässt sich der Staat das paralympische Sporttreiben kosten. Im internationalen Vergleich ist das nicht viel, aber auch nicht wenig. Die Frage ist immer, wie die Mittel eingesetzt werden. Und wer jetzt fragt: Müssen wir diesen Sport jetzt auch noch fördern? Dem sage ich: Ja.

Gerade Mädchen und Jungen mit Behinderungen oder Handicaps brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen: Bewegung macht Spaß, der Sport setzt Ziele, das Erreichen dieser Ziele schafft Glücksmomente. Augenblicke, von denen es in Tokio viele gab. Vielleicht mehr als bei den Olympischen Spielen.

Ehrung in Berlin wäre das richtige Zeichen

Und dann wären wir noch beim Thema "Gesellschaftliche Anerkennung": Die paralympischen Helden werden in den USA - ebenso wie die erfolgreichen Olympiastarter - von Präsident Joe Biden ins Weiße Haus eingeladen, in Frankreich von Präsident Emmanuel Macron empfangen und in Großbritannien von Premier Boris Johnson.

Und in Deutschland? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam immerhin zum Abflug, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ ihren Regierungssprecher was twittern - ist ja kein Fußball.

Ich finde, Lindy Ave, Johannes Floors, Jana Majunke, Markus Rehm und all die anderen hätten es auch verdient, daheim angemessen begrüßt und geehrt zu werden. Denn sie haben uns in den vergangenen zwei Wochen große Momente geschenkt.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Paralympics Tokio 2020 | 04.09.2021 | 09:05 Uhr

Stand: 05.09.21 09:27 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Volksrepublik China CHN 96 60 51
2. Flagge Großbritannien GBR 41 38 45
3. Flagge USA USA 37 36 31
4. Flagge Russisches Paralympisches Komitee RPC 36 33 49
5. Flagge Niederlande NED 25 17 17
6. Flagge Ukraine UKR 24 47 27
7. Flagge Brasilien BRA 22 20 30
8. Flagge Australien AUS 21 29 30
...
12. Flagge Deutschland GER 13 12 18
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