Busemanns Kolumne
Der Verlust der Unbeschwertheit
Eigentlich freut sich ARD-Kolumnist Frank Busemann auf den Beginn der Leichtathletik-Wettkämpfe. Doch das Leid in den Favelas stimmt ihn nachdenklich.
Jetzt geht es endlich los. Aus der Sicht eines Leichtathleten beginnen nun die Olympischen Spiele. Das was die Athleten monatelang geistig und körperlich beschäftigt hat findet in den nun kommenden Tag im Olympiastadion seinen Höhepunkt. Der Sportler als solcher lebt in einem eigenen Kosmos und versucht alle nicht leistungsdienlichen Begleiterscheinungen komplett auszublenden.
Als in Atlanta 1996 die Bombe hochging, zwei Menschen ihr Leben verloren und unzählige verletzt wurden, konnte ich die Tragweite dieses Ereignisses nicht abschätzen. Ich war im Tunnel des Sports. Als ich nach Boykottaufrufen der Spiele in Peking verlauten ließ, dass das schon in Moskau und Los Angeles nur die Athleten getroffen hätte und nicht die Weltpolitik ändern würde, wurde ich angefeindet. Nun sind wir in Brasilien und wir hören von den Problemen der Menschen und den Herausforderungen des Alltags.
Wohlstand trifft Armut
Einen krassen Gegensatz von Arm und Reich habe ich in den letzten Jahren schon oft erlebt. Peking und Moskau waren unglaubliche Zeugnisse einer unverhältnismäßig ausgeprägten Verteilung von Wohlstand und Armut. Die berühmten Favelas von Rio de Janeiro waren mir bisher nur aus Erzählungen bekannt. Nun bin ich auf dem Weg zum Stadion daran vorbeigefahren. Wohlgemerkt nur vorbeigefahren. Es war schockierend. Die ganze Härte dieser Armut ist mit einem Blick zu erkennen.
Einen Tag zuvor gab es in einem Teil unserer eigentlichen Route eine Schießerei, bei der Militär und Polizei mit schwerem Gerät anrückten um der Lage Herr zu werden. Unser ortskundiger Fahrer meinte, dass er diesen Weg nun unbedingt meiden müsse, dort herrsche Krieg. Dieser Teil der Route ist die offizielle Strecke zur Wettkampfstätte. Kommt man auf der sogenannten Olympic Lane als akkreditiertes Fahrzeug etwa fünfmal so schnell ans Ziel, bevorzugt er nun einen alternativen Reiseweg.
Frank Busemann und ARD-Moderator Claus Lufen
Für den Beginn der Leichtathletikübertragung wurden wir darauf hingewiesen, dass wir das Stadion in der Mittagspause besser nicht verlassen sollten, da die Lage in der unmittelbaren Umgebung um das Stadion nicht sicher sei. Irgendwie ging mir heute die Leichtigkeit verloren. Wir probten für morgen, erkundeten die Wege und machten uns mit der Infrastruktur des Stadions vertraut. Heute beginnen in diesen Mauern die Olympischen Spiele der Leichtathleten. Vor den Mauern wissen unendlich viele Menschen nicht, ob sie am Ende der Spiele noch etwas zu Essen haben.
Nebensache Sport
Diese Gegensätze dürfen die Sportler nicht beachten, so bitter es klingt. Sie müssen oder dürfen einfach nur Sport machen. Das ist für den Moment das Wichtigste in ihrem Leben. So muss es sein, so soll es sein. Alles haben sie dieser einen Woche untergeordnet. Alles haben sie dafür gegeben. Wenn wir Nichtathleten aber vor das Stadion schauen, dann wissen wir, dass Sport nur diese kleine, unbedeutende Nebensache ist, die uns so sehr berührt.
Ist das nicht Grund genug, fair miteinander umzugehen? In einem sportlichen Wettstreit die Freude des miteinander Messens zu erleben, seine eigenen Grenzen zu spüren, sie auszuhebeln und zu überschreiten? Mitfiebern. Anfeuern. Freuen. Wir dürfen den Luxus genießen mit dieser scheinbaren Belanglosigkeit Emotionen zu spüren, die uns fesseln und bewegen. Uns geht es gut.
Stand: 12.08.16 06:15 Uhr