Leichtathletikhalle Alsterdorf geschlossen (Symbolbild) © imago images Foto: Tim Groothuis

Coronavirus

Olympia in der Schwebe: Sportler als Improvisationskünstler

Trainingslager abgebrochen, Sporthallen geschlossen: Die Not macht viele Sportler, die für Tokio trainieren, erfinderisch. Dabei wissen sie gar nicht, ob die Sommerspiele stattfinden werden.

Turnübungen im Wohnzimmer, Gewichte stemmen im Hühnerstall: In der Zeit der größten Ungewissheit in ihrer Sport-Karriere müssen die Athleten, die sich auf Olympia vorbereiten, kreativ werden. Die Corona-Pandemie hat zwar noch nicht dazu geführt, dass die Olympischen Spiele abgesagt oder verschoben werden - die Vorbereitung auf den Karrierehöhepunkt der meisten Sportler beeinträchtigt die globale Krise jedoch fundamental. Wettkämpfe finden nicht mehr statt, an normale Trainingseinheiten ist nicht zu denken. Und während die einen vor verschlossenen Toren von Sportplätzen und Schwimmhallen kehrt machten, brachen die anderen ihre Trainingscamps in anderen Ländern ab, um noch rechtzeitig vor dem Einsetzen von Reisebeschränkungen nach Hause zu gelangen.

Wellbrock mit Charterflieger abgeholt

So holte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) seine Athleten um Doppel-Weltmeister Florian Wellbrock mit einem Charterflieger aus dem Höhentrainingslager in Spanien nach Hause. "Da zeigt sich eine besondere Fürsorge. Das ist auch wegen der zusätzlichen Kosten nicht selbstverständlich, um so dankbarer sind wir", sagte Athletensprecherin Sarah Köhler, die sich gemeinsam mit ihrem Freund Wellbrock und anderen Schwimmern in der Sierra Nevada auf die Olympischen Spiele vorbereitet hatte. Auch aus Lanzarote, Fuerteventura und der Türkei wurden DSV-Schwimmer nach Hause geholt.

Kanuten bestechen Taxifahrer

In Spanien gilt wegen der Corona-Pandemie eine Ausgangssperre, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind noch strikter als in Deutschland. Der Kanute Ronald Rauhe beschrieb dem RBB die hektische nächtliche Abreise über Portugal nach Hause - inklusive Bestechung eines Taxifahrers. Im portugiesischen Lago Azul brach der Ruder-Achter am Montag (16.3.20) seine Zelte ab. Am Ruderleistungszentrum Dortmund ist jedoch das Bootshaus für die öffentliche Nutzung geschlossen. Training unter strengen Auflagen sei nur den Sportlern gestattet, die sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten, hieß es. Trainer und Betreuer des Achters karren derweil die Boote über 2.300 Kilometer durch Spanien und Frankreich zurück nach Dortmund.

01:29 min | 15.03.2020 | Das Erste

Hartung: "Wünsche mir offenere Kommunikation"

Säbelfechter Max Hartung kritisiert die Informationspolitik der Sportverbände in der Corona-Krise. Der Athletensprecher fordert, dass jetzt alle Szenarien für Olympia durchgespielt werden müssten.

Röhler: "Nicht die Augen vor der Realität verschließen"

Auch Kugelstoßer David Storl brach sein Trainingslager auf Fuerteventura vorzeitig ab. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler verließ etwas überstürzt das Camp in der Türkei - ohne seine Wurfgeräte, die erst einmal in Belek blieben. Die sollten zwar bald nachkommen, doch Röhler macht sich keine Illusionen: "Wir dürfen nicht die Augen vor der Realität verschließen. Nicht nur wir Sportler werden uns auf weitere Einschränkungen gefasst machen müssen." Der 28-Jährige hatte sich schon vorher Gedanken über den Ernstfall gemacht: "Ich sehe mich schon mit einer Hantelstange zu Hause trainieren." Ein fairer Qualifikationsprozess sei aber ohnehin nicht mehr möglich.

Training allein zu Haus'?

Nach der überstürzten Heimreise stellte sich für die meisten Sportler die Frage: Wie weiter? Da die meisten Sportstätten geschlossen sind, wird an Notfallplänen gearbeitet, denn zwei Wochen Trainingspause in dieser Phase der Vorbereitung kann sich kein ambitionierter Olympia-Sportler leisten.

"Wir müssen einfach das Beste aus der Situation zurzeit machen. Draußen trainieren, laufen und paddeln sollte kein Problem sein", sagte Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel. Gegen offenbar kursierende Überlegungen, im Trainingszentrum Kienbaum bei Berlin eine zentrale, isolierte Trainingsmöglichkeit für Spitzenathleten zu schaffen, sprach sich Schwimmtrainer Frank Embacher aus: "Ich bin strikt gegen die Konzentration der Sportler in Kienbaum", sagte er der "Leipziger Volkszeitung" "Sollte dort ein Corona-Fall auftreten, wäre das komplette deutsche Olympiateam lahmgelegt. Wir sollten uns lieber in kleinen Gruppen vorbereiten."

Seitz kreativ, Stäbler pragmatisch

Turnerin Elisabeth Seitz will unter allen Umständen und notfalls in Eigenregie ihre Form konservieren. "Wenn ich nicht mehr in der Halle trainieren kann, versuche ich das eben zu Hause", sagte die deutsche Rekordmeisterin im SWR-Interview. Die Stufenbarren-Spezialistin aus Stuttgart fühlt sich von den Auswirkungen der Corona-Krise förmlich überrollt: "So etwas habe ich noch nicht mitgemacht. Aber wenn die Spiele verschoben werden, dann müssen eben Pläne geändert werden. Ein drittes Mal Olympia bleibt mein großes Ziel."

Der dreimalige Ringer-Weltmeister Frank Stäbler will in den nächsten Wochen weitgehend isoliert in seiner eigenen Halle auf dem elterlichen Bauernhof trainieren. In dem ehemaligen Hühnerstall, über dessen Eingang das Schild "Worldcamp" prangt, will er dabei mit nur wenigen Sparringspartnern arbeiten. Lehrgänge des Olympia-Teams seien vorerst ohnehin gestrichen. "Ich muss die Situation annehmen und das ausblenden, was ich nicht kontrollieren kann", sagte er. Stäbler wollte seine Laufbahn nach Olympia im Sommer eigentlich beenden. "Wenn die Spiele abgesagt werden, dann muss ich meine Karriere wohl verlängern", sagte der 30-Jährige

Training dank Sondergenehmigung?

Sprinterin Gina Lückenkemper hofft, dass sie Sportstätten nutzen kann, wenn sie sich allein dort aufhält. "Ich bin momentan in einigen Gesprächen, was die Nutzung diverser Anlagen allein betrifft und hoffe, schnellstmöglich eine Lösung zu finden", sagte sie leichtathletik.de. Die EM-Zweite über 100 m hat zudem ein weiteres Problem: Wegen des Einreisestopps in die USA kann sie nicht mehr bei ihrem neuen Coach in Florida trainieren.

Auch der DSV will für seine Kaderschwimmer Sonderanträge bei den Behörden stellen, um die Fortführung des Trainings an den Bundesstützpunkten für die Olympia- und Perspektivkader zu erwirken. Von Bundestrainer Bernd Berkhahn aus Magdeburg kam zudem der Vorschlag, einen Wettkampf mit maximal 50 Sportlern zu organisieren, in dem noch die Normen für Tokio erreicht werden könnten - so die Sommerspiele überhaupt stattfinden.

Reise in eine ungewisse Zukunft

Es gibt auch Sportler, die diese Ungewissheit lähmt. Vier Jahre harter Vorbereitung umsonst? Das finanzielle Überleben in Gefahr? "Motivation und Moral sind bei mir komplett weggebrochen, ich konnte in den vergangenen vier, fünf Tagen gar nicht trainieren", sagte der Geher Christopher Linke. "Jetzt kommt es mir vor, als würden wir in eine ungewisse Zukunft reisen. Die Gefahr durch das Coronavirus ist mir bewusst, und trotzdem ist es für uns alle der absolute Ausnahmezustand."

Ludwig/Kozuch machen Sponsorenbesuche

Beachvolleyball-Olympiasiegerin Laura Ludwig und ihre Partnerin Margareta Kozuch sind nach der Absage von zwei Turnieren in Rio de Janeiro und Cancun vorzeitig aus Südamerika nach Hamburg zurückgekehrt. Wegen der Corona-Krise kann das Duo, das nach derzeitigem Stand der Rangliste für Olympia qualifiziert wäre, zwar nur eingeschränkt trainieren, will zunächst aber mehrere Sponsorentermine wahrnehmen.

Hartung: "Von uns Sportlern geht eine Signalwirkung aus"

Ganz pragmatisch hat auch Fechter Max Hartung entschieden. Nach der erfolgreichen Olympia-Qualifikation mit dem Säbelteam zog er den Regenerationsurlaub vor und genießt erst einmal trainingsfreie Tage. Nicht vorstellen kann sich der 30-Jährige Olympia ohne Zuschauer. "Von uns Sportlern geht eine Signalwirkung aus: Wenn Kindergärten, Betriebe und Bars geschlossen werden, um die Schwächsten zu schützen, warum sollen dann Fußballer kicken und Fechter fechten?" Olympia sei ein Event, das man nicht für sich alleine habe, sondern das man mit anderen Menschen teile: "Und das wäre eben ohne Zuschauer nicht dasselbe."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia 2020 in Tokio | 23.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 17.03.20 08:31 Uhr