Kohei Jinno steht mit einem Foto in der Hand vor dem Olympiastadion in Tokio. © ARD Foto: Julia Linn

Der Japan-Reiseblog von Julia Linn

Olympia hat ihm das Zuhause genommen

Puh, diese Begegnung musste ich erst mal etwas sacken lassen. Vor zwei Tagen habe ich Kohei Jinno getroffen. Er ist 87 Jahre alt, hat 80 Jahre seines Lebens genau da gelebt, wo am Freitag die Olympischen Spiele eröffnet werden. Als er mit mir an diesen Ort zurückkehrt, kommen ihm die Tränen, er schluchzt beim Sprechen - mir zerreißt es das Herz, seine Sehnsucht zu sehen. "Hier ist ganz viel passiert", erzählt er mir. "An diesen Ort habe ich viele gute Erinnerungen."

Sein Geburtshaus hatte die gleiche Adresse wie heute das Nationalstadion: Kasumigaokamachi, Shinjuku City, Tokyo. Sonst ist nichts geblieben. Kohei Jinno war die gute Seele seiner Nachbarschaft. Früher führte er hier ein kleines Geschäft - es gab alles von Waschmittel bis Unterwäsche. Nebenbei kümmerte er sich noch nach Schulschluss um die Grundschulkinder. Er bastelte mit ihnen Spielzeuge, so wie er es früher selbst gemacht hatte, als es im Krieg keine gab. Aber vor allem zeichnete er mit den Kindern.

Ein Leben in Skizzen

Kohei Jinnos Skizzen vom Haus seiner Eltern © ARD Foto: Julia Linn

Kohei Jinno hat alles dokumentiert, das Elternhaus inklusive des Gemüsebeets.

Kohei Jinno hat ein fotografisches Gedächtnis, sagt er. Der Beweis: Er hat sein ganzes Leben in Skizzen festgehalten. Da ist das Spielzeug, das er früher aus Stöcken geschnitzt hat, der Garten, in dem die Eltern Gemüse angebaut haben - und die Olympischen Ringe, die bei den Sommerspielen 1964 auf dem alten Nationalstadion nebenan geleuchtet haben.

Damals hatte er sein Zuhause zum ersten Mal verloren. Als 1962 mit dem Bau des Nationalstadions begonnen wurde, musste die Familie umziehen - aber sie konnte in der Nachbarschaft bleiben. Sie lebten in Armut, zu viert in einer Ein-Zimmer-Wohnung, aber waren trotzdem stolz, so einen kleinen Teil zum Erfolg der Spiele beizutragen.

Zum zweiten Mal vertrieben

Als dann vor acht Jahren klar war, dass Tokio wieder Olympia-Austragungsort wird, war Kohei Jinnos Schicksal besiegelt. Eine Vorwarnung gab es nicht, erzählt er mir - seine Frau und er mussten einfach raus. Und dieses Mal konnte er nicht in seinem geliebten Shinjuku bleiben. Er hätte sich mehr Rücksicht gewünscht, es sei nicht einfach gewesen, ein neues Leben aufzubauen - erst recht nicht mit 80 Jahren.

Kohei Jinno © ARD Foto: Julia Linn

Kohei Jinno in seiner neuen Wohnung - seine Erinnerungen in Fotos und Skizzen sind wohl sein wertvollster Besitz.

Kurze Zeit später verstarb seine Frau. Heute erinnert ein kleiner Schrein in seinem Wohnzimmer an sie. Hier lebt er mit seinem Sohn und dessen Familie im Westen Tokios. Aber ein Zuhause ist es für ihn bis heute nicht geworden. Er sagt, hier kennt er keinen und keiner kennt ihn.

In jedem seiner Worte spüre ich, wie sehr er seine Heimat vermisst. Es ist eine Seite von Olympia, an die ich vorher nie gedacht hatte und die mich fassungslos macht. Was mich persönlich zutiefst beeindruckt: Kohei Jinno hegt trotzdem keinerlei Groll. Er wünscht sich, dass es erfolgreiche Spiele für sein Tokio werden und möchte jeden, wie er sagt, mit offenen Armen empfangen.

 

ARD-Reporterin Julia Linn

Julia Linn

Zur Person: Julia Linn arbeitet für den WDR und im ARD-Studio Tokio und berichtet hier täglich von ihren Erfahrungen bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Olympia Tokio 2020 | 22.07.2020 | 09:05 Uhr

Stand: 21.07.21 20:19 Uhr

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